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Erinnerung an Moppi

Erinnerung an Moppi

Er hatte etwas von einem Wolpertinger. Von jenem kuriosen Fabelwesen, an dem sich Körperteile vereinen, die nicht zu einer Art gehören. Doch Moppi war kein Scherz eines Tierpräparators, an Moppi war alles echt.

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Quelle: privat

Alles war so gewachsen, wie er es am Leibe trug. Seine staksigen Hinterbeine erinnerten an eine Ziege, vorne lief er auf Dackelbeinchen. Sie transportierten den niedrigen Körper mit der gefleckten Zeichnung einer schwarzbunten Kuh. Der buschige Schwanz am hinteren Ende mutete an wie ein Mix aus Pferdeschweif und Eichhörnchenlunte. Lediglich der Kopf mit dem angedeuteten Mittelscheitel in der dunklen Kurzhaarfrisur wies ihn der Spezies Hund zu. In seinem spitznasigen Gesicht sah Moppi sogar nett aus. Über den treuherzig blickenden Augen wölbte sich eine hohe Stirn, die sich von weichen Schlappohren angenehm flankieren ließ. War Moppi im Zustand der Konzentration, neigte er den Kopf in eine schräge Position und legte seine Stirn in tiefe Denkerfalten. Das hätte ihm einen Anstrich von Weisheit geben können, wäre da nicht das Funkeln in seinen Augen gewesen. So fügte sich ein weiteres Wesen in sein Gesamtbild ein: Er war ein richtiger Frechdachs.

Wie man sich denken kann, konnte sich Moppi auf nichts berufen, was eine Zugehörigkeit zu irgendeiner Rasse auch nur angedeutet hätte. Er war eine Promenadenmischung, nur leider ohne Promenade. Lediglich ein Dorf war ihm als Lebensraum vom Schicksal zugewiesen worden. Moppi gehörte meiner Tante, bei der wir eine Weile wohnten. Ich war ein Kind im Grundschulalter und Moppi das erste Tier, mit dem ich einen Haushalt teilte. Folglich war ich ihm in großer Anbetung verfallen. Ich liebte ihn von ganzem Herzen. Wenn Moppi in Sachen Schönheit auch wenig aufzubieten hatte, so schien ihn das nicht zu bekümmern. Schließlich liegt Schönheit, wie man sagt, im Auge des Betrachters und Moppis Eigenbetrachtung war wohlwollend positiv. Er war bis hoch zu den schlappenden Ohren angefüllt mit Selbstvertrauen.

Nie zweifelte er an sich und seinen Fähigkeiten, was ihn schamlos leichtsinnig machte. Er jagte die Kühe auf der Koppel, die ihm zwar in der Farbe, doch nicht in der Größe ähnelten. Er wälzte sich in ihren Fladen oder im frisch gedüngten Acker, ohne bei der Heimkehr peinlich berührt zu sein. Und dann war da die Sache mit dem Schäferhund Rex, der den Bauernhof bewachte, von dem wir unsere Milch bezogen. Jeden Tag das gleiche Theater. Wir trabten mit unseren Kannen an und hinter dem Maschendrahtzaun lag friedlich der große Hund. Der Zeitpunkt war gekommen für Moppis unverschämten Auftritt. Im Schutze des sicheren Zaunes kläffte er seinem Gegenüber allerlei Frechheiten entgegen, was die Gegenseite nicht unkommentiert lassen konnte. Der Friede war vorbei. Die beiden Kontrahenten rannten auf und ab, immerzu am Zaun entlang, sich lautstark überbietend in Drohungen aller Art. Rex gefangen hinterm Draht, Moppi in freier Entfaltung auf dem Bürgersteig.

Dann kam die offene Einfahrt, ohne Zaun und Pforte. Der Schutz für Moppi war beendet. Nichts Trennendes war mehr vorhanden, keine sichere Barriere. Er stand der Tatsache gegenüber, sich seinem Gebaren stellen zu müssen und damit diesem gewaltigen Hund, den er noch vor Sekunden so wüst beleidigt hatte. Die Ausgangslage schien nicht günstig für den respektlosen Mischling. Er so klein, Rex so groß. Ich stand tausend Ängste aus um meinen geliebten Hund. Doch Moppi war gewitzt genug, im Nu sein Verhalten nachzubessern. Mit eingezogenem Schwanz nahm er sich zurück, drückte sich eng an uns, Entschuldigungen murmelnd, während sich bei Rex wahre Großmut zeigte. Er hatte für den dreisten Krakeeler nur ein Schnüffeln übrig. Kaum hatten wir den Hof verlassen, wurde aus dem leisen Moppi wieder der Rabauke. Das Spiel begann von neuem. Er stieß die schlimmsten Drohungen aus, die von dem geplagten Rex erwidert werden mussten. Seltsamerweise versuchte der nie, den Hof durch die Einfahrt zu verlassen, womit der kesse Moppi auch nicht zu rechnen schien. Hatte er genug gebellt, zeigte er als Siegerpose Rex sein Hinterteil und schwänzelte hoheitsvoll von dannen. Ein Lächeln des Triumphes umspielte seine Lefzen. So blieb er mir in Erinnerung. Ein kleiner frecher Mischling mit dem Selbstbild eines Champions.

Karin Tamcke

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