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Es rappelt im Karton

Tiergeschichten Es rappelt im Karton

Es ist schon eine Weile her, da geschahen in meinem Haus ein paar seltsame Dinge. Es spukte nicht, nein, so schlimm war es nicht. Aber mein Inventar unterzog sich langsam einer erstaunlichen Wandlung.

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Quelle: Federico Gambarini

Es begann eines Tages, als ich vom Einkaufen kam. Ich hatte im Supermarkt für den Transport meiner Ware einen leeren Karton aus dem Regal genommen und stellte ihn nun zuhause kurz auf dem Schreibtisch ab. Wie ahnungslos war ich damals doch! Nicht der kleinste Gedanke kam mir, was daraus so alles erwachsen könnte. Ich stellte also den Karton ab, leerte ihn aus, verstaute die Lebensmittel und wollte ihn gerade entsorgen, da war er bereits besetzt. Besetzt von meinem Kater. Mit großer Überzeugung kuschelte er seinen Pelz zwischen die Wände der Pappe und schaute mich so zufrieden an, dass ich es nicht übers Herz bringen konnte, ihm sein Glück zu nehmen. Damit ging der Karton offiziell in den Besitz meines Schnurrers über. Es sah ja auch wirklich witzig aus, ein Kater in einem Karton mit der Aufschrift „Junger Gouda, mindestens 4 Wochen gereift“. Das war der Beginn der Verwandlung, die mein Mobiliar erfuhr.

Da ich zwei Mäusetiger hatte, kam dann bald der Zeitpunkt, an dem die Katze aufbegehrte und beschloss, sich den Karton ganz heimlich anzueignen. Der enttäuschte Blick des Katers war nicht auszuhalten und vom nächsten Einkauf trug ich extra für ihn einen zweiten Gouda-Karton ins Haus. Das ist inzwischen etliche Jahre her und meine beiden Kartonbesitzer, damals schon recht betagt, sind nun im Katzenhimmel. In meinen Räumen lebt jetzt eine neue Generation von lebensfrohen Mäusefängern, meine Katzen Matjes und Minze. Doch geändert hat sich nichts. Einer der beiden Gouda-Kartons hatte die Zeit überdauert und mit verblüffendem Selbstverständnis trat Minze, kaum war sie bei mir eingezogen, das Erbe ihrer Vorgänger an. Doch auch hier sah ich bald ein, dass ein Karton nicht reichen würde. Meine Katzen legen großen Wert darauf, ständig in meiner Nähe zu sein, und das so dicht wie möglich. Matjes bekam seinen Ruheplatz in einem weiteren Karton auf dem Schreibtisch, nur mit der Aufschrift „Fusilli“. So war aus dem beglückten Kater eine Spiralnudel geworden, zumindest der Beschriftung nach.

Neulich machte ich den Fehler, einen kleinen Pappkarton in meiner Küche abzustellen. Für ein paar Minuten, wie ich dachte, ließ ich ihn auf dem Tresen. Seitdem blickt Matjes stolz aus „Gorgonzola“ auf mich hernieder. Durch die ausgestanzten Löcher quillt sein weiches Fell, die Form des Kartons wird langsam rund, passt sich der Figur des properen Katers an. Dort oben hockt er, ausgestattet mit dem nötigen Ernst, und kontrolliert mein Treiben beim Kochen und ganz besonders den Füllstand der Näpfe. Ich passe lediglich auf, dass er nicht samt Verpackung von dem schmalen Tresen fällt, man hat schließlich Pflichten als gewissenhafter Katzenbesitzer. Doch das ist längst nicht alles. Es ging bald weiter mit Matjes in „Milchreis, sanft gerundet“, in „Zimtrolle nach skandinavischer Art“, und die Katze entwickelte sich zur gekennzeichneten „Riesenbrezel“, wenn sie sich nicht gerade mit unverbrauchtem Phlegma in „Sonnenblumen-Margarine, streichzart“ aalt. Manchmal ist dem Kater auch nach „Nürnberger Rostbratwurst in Spitzenqualität“ zumute. Schaut man sie sich so an, diese nette Rundlichkeit in dem schwarzweißen Pelz, dann ist der herbeigeführte Vergleich mit einer Rostbratwurst nicht einmal abwegig zu nennen.

Doch das ist längst nicht alles. Ich bestelle die Katzenstreu stets übers Internet. Sie wird selbstverständlich in einem Karton geliefert, Aufschrift „Das Top-Angebot – saugstark und staubfrei“. Nach der Entnahme der Säcke gehört dieser Karton meiner Katze, das hat sie so mit mir ausgehandelt. Sie nutzt ihn zum Verstecken, als Kratz-Utensil und zum Schlafen. Ich darf ihn erst entfernen, wenn Ersatz gekommen ist. Neulich kaufte ich ein Paar Schuhe und stellte den Schuhkarton unvorsichtigerweise auf dem Fußboden ab. Der Rest lässt sich denken. Doch kann ich dem Kater seinen Karton entziehen? Er steht nun schon seit drei Wochen dort, das bedeutet Gewohnheitsrecht. Überall verteilten sie sich, die von den Katzen beschlagnahmten Kartons. Und alle sind sie im Gebrauch, der Wechsel erfolgt nach Stimmungslage. Zugegeben, die Optik meiner Räume leidet ein wenig unter der Papp-Invasion. Auch zeigen sich Besucher manchmal ein bisschen verstört angesichts der Kartonagen, die sie im Slalom umrunden müssen. Vermutlich denken sie: Bei der rappelt‘s wohl ganz gehörig im Karton! Sie haben sogar recht, aber anders, als sie glauben.

Karin Tamcke

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