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Friedhelm und die Gretchenfrage

Tiergeschichten Friedhelm und die Gretchenfrage

Friedhelm ist der Frohsinn auf vier Beinen. Auf vier Mops-Beinen, um es genau zu sagen. Die gute Laune ist sein ständiger Begleiter, er ist ein richtiger kleiner Kobold und versprüht seinen Charme, wo immer er ihn versprühen kann. Die tiefen Sorgenfalten auf seiner breiten Stirn sind nur Dekoration, Friedhelm ist weit entfernt von Sorgen und Nöten aller Art.

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Quelle: dpa

Nicht so seine Besitzerin, die ihn zwar innig liebt, doch deren Vorstellungen nicht immer mit Friedhelms Ansichten deckungsgleich zu bringen sind. „Nun sag, wie hast du’s mit dem Gehorsam?" wird Friedhelm oft von ihr gefragt. „Du bist ein herzlich guter Mops, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon." Friedhelms Frauchen ist am Theater beschäftigt, daher ist ihr der Weg zu Goethe berufsbedingt nicht fern. Nichtsdestotrotz ist die Gretchenfrage nicht nur als Scherz zu verstehen, sondern sehr berechtigt. Natürlich aus Frauchens Sicht, nicht aus der des Mopses. Friedhelm hält Gehorsam für das Überflüssigste auf der Welt. Er kennt zwar die Kommandos, doch es ist viel Platz zwischen Gehorsam und Verweigerung. Und auf diesem Platz macht sich Friedhelms Wille breit. Er hat seine eigene Meinung, hört nur auf Kommandos, wenn sie zu seinen Plänen passen und seine Wünsche unterstützen. Besonders der Zuruf „Komm!" lässt ihm viel Spielraum für seine Ideen.

Friedhelm findet in seinem Dasein so viel Anregendes, das man nicht auslassen darf. Da sind die spannenden Gerüche an Gräsern und Sträuchern zu benennen, wenn Friedhelm spazieren geht. Sehr lange kann er dann alles beschnuppern, sich ganz dieser Freude widmen, warum sollte er dann kommen, nur weil Frauchen es so will? Dann aktiviert er den typischen Dickkopf, der seine Rasse prägt. Nein, er wird sich nicht von den Gräsern lösen, nicht andere Hunde ignorieren, wenn er sie begrüßen will, nicht seinen Freilauf stoppen aufgrund dieses lächerlichen Befehls. Man muss es ganz klar sagen: Friedhelm hat eine Rückruf-Schwäche. Er kommt nur, wenn es sich für ihn lohnt. Und seine Vorhaben abzubrechen ist nicht lohnenswert. Da sieht es mit Leckerchen aller Art schon ganz anders aus. Lockt ein Leberwursthäppchen, gibt es keine Schwierigkeiten mit der Verständigung. Dann ist Friedhelm so schnell wie der Blitz. Doch es ist im Leben nicht alles Leberwurst.

Friedhelm braucht eine Hundeschule, das hatte sein Frauchen kürzlich beschlossen und damit den Wunsch verbunden, dem Mops je nach Erfordernis ein gefälliges Verhalten beizubringen. Friedhelm sollte in allen Punkten gesellschaftsfähig werden, da er seine Besitzerin oft zu den Proben begleiten darf. Am Theater liebt man den charmanten Mops, doch ein so würdiges Haus verlangt ein verfeinertes Benehmen. Also die Hundeschule. Hunde-Management nennt sich das Programm, das dort in Workshops geboten wird. In kleinen Gruppen haben die bellenden Schüler zu lernen, wie Befehle erfolgreich umgesetzt werden. Es geht um Leinenführigkeit, um den besagten Rückruf und sogar die Jagdausbildung können die Hunde dort beenden. Braucht ein Mops ein Management? Friedhelm war nicht dieser Ansicht. Schaden könnte es nicht, meinte dagegen sein Frauchen, wenn es auch nicht die Jagd sein musste. Und so belegte Friedhelm einen der raren Plätze. Sein kommunikativer Charakter setzte sofort seine typische Charmeoffensive frei, er freundete sich mit den Mitschülern an und sah in allem ein erbauliches neues Spiel. Das schmälerte seine Konzentration, die er doch mit Eifer für den Unterricht verwenden sollte. Es mangelte ihm an Ernsthaftigkeit, um große Erfolge zu erzielen. Er trug Bälle durch die Gegend, flitzte hierhin und dorthin und strahlte über sein Mopsgesicht, während sein Frauchen seufzend mit seinem Dickkopf kämpfte. Dann legte er große Treuherzigkeit in seinen großäugigen Blick und tat ahnungslos und unbefangen. Er befolgte zwar schon ein paar Kommandos, konnte sogar apportieren, doch leider nur Diebesgut, wie von Frauchen geklaute Socken und Schuhe. Zuverlässiges Erscheinen gehörte nach wie vor nicht zu seinem Repertoire.

Doch dann kam tatsächlich der Tag, da wuchs Friedhelm über sich selbst hinaus: Er, der tapfere Mops, rettete todesmutig sein Frauchen! Er hatte nicht an der Jagdausbildung teilgenommen, keine Fährtenarbeit geleistet, und doch bewies er plötzlich waidmännische Qualitäten. Er hetzte erfolgreich zwei riesige schwarze Spinnen, er stellte sie, fing sie, ganz ohne Management. Die darauf folgende Bewunderung kassierte er mit Selbstverständnis. Vielleicht führte er auch in Gedanken den Dialog zwischen Faust und Gretchen fort: „Du fühlst, ich bin dir gut, für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut."

Karin Tamcke

 

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