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Ganz schön verrückt

Tiergeschichten Ganz schön verrückt

Oh, dieser Günter! Was hatte er nur vor, warum konnte er sich nicht konzentrieren?! Heinrich gab sich alle Mühe, aber die Sache war schon zu verfahren. Es half nur noch der Rückwärtsgang und der erwies sich als gar nicht so einfach.

Noch heute werden Kaltblüter zum Holzrücken eingesetzt.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.. Dabei war heute der große Tag der Schau und Heinrich und Günter sollten die bewunderten Stars sein. Doch statt Triumph kam die Blamage, die selbstverständlich auch an Heinrich hängen blieb, obwohl er unschuldig war. Heinrich: Kaltblüter, braunes Fell, schwarze Mähne, freundlicher Blick und eine Tonne schwer. Ein Koloss von einem Pferd, gutmütig und robust. Was er sonst täglich in den Tiefen des Waldes verrichtet, darf er einmal im Jahr beim großen Schau-Rücken zeigen, in diesem Jahr gemeinsam mit seinem Pferdekollegen Günter, was sich, wie man soeben sah, als großer Fehler erwies. Eine beachtliche Menschenmenge säumte geduldig den Waldweg, dehnte sich aus in der Rückegasse, dem unbefestigten Pfad, der quer durch den Wald zum Verladeplatz führt. Alle warteten darauf, die Pferde bei ihrer Arbeit zu sehen.

Holzrücken, das ist Heinrichs und Günters Job. Ein gefällter Baum, dick, lang und schwer, wird an die Schleppketten gehängt, dann geht es ab durch den Wald bis hin zum Verladeplatz. Was sich so einfach anhören mag, ist ein komplizierter Vorgang und bedarf viel Kraft und Vorsicht. Doch Heinrich ist ein Profi. Er sieht so zuversichtlich aus, vertrauenswürdig und stark. Unter seinem glänzenden Fell spielen solide Muskeln. Ja, Heinrich strahlt Sicherheit aus. Dabei hatte er diese selbst mühsam erlernen müssen. Wahrlich nicht einfach war es, das Gerassel der Ketten und das Rumpeln der Stämme hinter sich mit der nötigen Langmut anzusehen, sich den Fluchtimpuls zu verkneifen, es als nichts Böses einzuordnen. Wenn man ein Pferd und somit ein Fluchttier ist, dann fühlt es sich höchst bedrohlich an, von seltsamen Dingen verfolgt zu werden, die weder bekannt noch abzuschütteln sind. Und diese Ketten, sie hafteten penetrant am Geschirr. Doch inzwischen hat sich für Heinrich all das anfangs Neue als ungefährlich herausgestellt und in Gewohnheit gewandelt. Er fühlt sich sogar überlegen, wenn er den Günter so betrachtet, der noch in der Ausbildung steckt. Zum Wiehern komisch ist es, wie der sich stets in der Leine verheddert und mit vielen der Kommandos noch nichts Rechtes anzufangen weiß.

Längst hat Heinrich vergessen, dass es bei ihm nicht anders war. Nun mag er an ein Leben ohne die Arbeit nicht mehr denken. Sie nimmt alle Langeweile und gibt ihm das Gefühl, etwas Wertvolles zu leisten. Das wird ihm nicht zuletzt von seinem Besitzer vermittelt. Der spart nicht mit Lob und kleinen Leckereien. So findet dann auch die eine oder andere Möhre ihren Weg in Heinrichs Maul, allerdings erst nach dem Feierabend. Schon seit vielen Jahre arbeitet Heinrich als Rückepferd, so die offizielle Berufsbezeichnung. Der Kaltblüter hält nichts von Piaffen, von Passagen und Traversalen. Er bringt sich dafür lieber mit seiner Kraft und Ausdauer ein, wenn es um Tätigkeiten geht, für die er wie geschaffen ist, Maschinen hin oder her. Heinrich arbeitet voller Freude, tritt leise auf und umweltschonend, nicht wie diese Traktoren mit ihren unsensiblen Rädern, die gnadenlos den Boden verdichten und plattwalzen, was ihnen unter die Reifen kommt. Natürlich kam das Know-how nicht von selbst, Heinrich durchlief eine Schulung. Doch nun ist er versiert und leitet auch den Günter an. Es ist ein imposantes Bild, die beiden kräftigen Braunen gemeinsam am Geschirr zu sehen. Deshalb war beschlossen worden, auch Günter zum Schau-Rücken mitzunehmen.

Alles hatte so freudig begonnen, Günter wurde zu Heinrich gespannt, die Schleppkette angelegt, der dicke Stamm vertäut, dann ging es durch den Wald. Es schien alles gut zu laufen, bis eine Buche kam, die Heinrich von links umrunden wollte und Günter leider von rechts, was dem guten Zusammenspiel ein jähes Ende bereitete. Die Pferde hingen fest, eins links, eins rechts, in der Mitte die standhafte Buche. Es ging nicht vorwärts und auch nicht rückwärts. Die Pferde standen betreten da, sie hatten sich beim Rücken in Uneinigkeit „verrückt“. Die Zuschauer begannen zu begreifen, dass hier nichts lief, wie es sollte. Es kam vereinzelt Gelächter auf, dann lachte die ganze Menge. Doch es war ein freundliches Lachen, barg keinerlei Schadenfreude in sich. Und groß war der Schaden auch nicht. Die Pferde wurden kurz abgespannt, der Stamm rückwärts neu befestigt, dann ging es auch schon weiter bis zum guten Ende. Günter würde noch üben müssen, aber die schwer verdienten Möhren gab es am Ende auch für ihn.  

Von Karin Tamcke

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