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Geglückte Integration

Geglückte Integration

Sie leben da seit vielen Generationen. So lange, wie es den Supermarkt gibt. Das dürften an die zwanzig Jahre sein. Doch nie zuvor war ihnen so etwas passiert. Etwas so Seltsames, das sie heraushob aus der Masse der Artgenossen und ihnen eine Aufmerksamkeit bescherte, wie man sie im allgemeinen Spatzen kaum zukommen lässt.

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Quelle: Volkmar Heinz

Und alles nur durch ihn. Durch ihn und ihre Bereitschaft, ihr soziales Gefüge für ihn auszudehnen und ihn freundlich aufzunehmen in ihrer familiären Mitte. Ihn quasi zu adoptieren. Dadurch waren sie nicht länger die mehr oder weniger lästigen Spatzen, sondern bekamen einen Bekanntheitsgrad, der ihnen auch Vorteile bescherte. Was nicht heißen soll, dass ihr bisheriges Leben unangenehm gewesen wäre.

Das Areal um den Supermarkt zeigte sich als guter Standort. Das Gelände liegt am Stadtrand und ist umgeben von vielen Büschen und Bäumen, was ein gutes Angebot an Insekten und Raupen garantiert. Doch das eigentlich Schätzenswerte ist das Einkaufszentrum selbst. Beim Anliefern frischer Ware rieseln ab und an Reis und Haferflocken und andere gute Dinge aus beschädigten Gebinden. Noch lukrativer zeigt sich der Eingangsbereich mit dem großen Parkplatz und der Imbissbude. Hier haben es die Spatzen auf das Weißbrot abgesehen, das scheibchenweise die Würstchen begleitet und ihnen von gutwilligen Kunden auf das Pflaster gebröckelt wird. Auch bergen die zahlreichen Abfalleimer manch entsorgtes Lebensmittel. Kleine Kinder sitzen in Einkaufswagen und krümeln gelangweilt mit Brötchen und Kuchen – all das landet in den verwöhnten Spatzenmägen. Am Abend zieht sich die ganze Familie zurück in ihre Büsche und palavert über das Tagesgeschehen. Eine graubraune Horde, wo einer den anderen kaum zu Wort kommen lässt, wie es ihnen so eigen ist.

Doch dann passierte etwas, was die Spatzen tatsächlich sprachlos machte. Zumindest für einen Moment. Ein Vogel kam angeflattert, wie sie ihn vorher noch nie gesehen hatten. Er trug ein schreiend grüngelbes Gefieder und landete etwas unbeholfen auf einem Zweig ihres Baumes. Dort blieb er unsicher hocken, begann dann aber mit einer vorsichtigen Kommunikation. Fremdartige Laute drängten aus ihm heraus, Gepfeife, Geflöte, unverständliches Gebrabbel, in einem albernen „Butschibutschi" gipfelnd. Das Erstaunen der Spatzen war verständlich. Andere Vögel waren ihnen nichts Neues, doch dieser hier unterschied sich von allem Dagewesenen. Nie zuvor war ihnen ein Wellensittich begegnet. Und nun saß dieser Fremdling zusammen mit ihnen auf dem Baum, wenn auch auf dem entferntesten Ast. Was sollten sie anfangen mit einem, der sich von ihnen so gravierend unterschied? Und was wollte der Fremde von ihnen? Man ging vorerst auf Distanz.

Doch es war nicht zu übersehen, dass der Neuling Anschluss suchte. Plötzlich allein auf sich gestellt, erschien ihm die Freiheit recht bedrohlich. Hatte er doch sein Futter vorher täglich serviert bekommen. Auch war er kein Einzelgänger, war für den Schwarm bestimmt. Hier fand er nun gefiederte Kollegen, auch wenn es keine Sittiche waren. Und so wurde der Abstand zwischen ihm und den Spatzen stündlich ein Stückchen geringer, bis er sich als bunter Punkt vorsichtig zwischen das Graubraun schob. Und da er ansonsten nicht störte, beschlossen die Spatzen, ihn zu akzeptieren.

Das war von den Marktbesuchern nicht unbemerkt geblieben. Alle amüsierten sich über das Spatzen-Sittich-Gemisch. Einige begannen, Futter auszulegen. Brachten Körner mit und Kolbenhirse. Davon profitierten selbstverständlich auch die Spatzen. Ein Vertreter der Presse erschien und da es galt, das berühmte Sommerloch zu füllen, machte er ein paar Fotos, die tags darauf einen rührenden Artikel in der Tageszeitung zierten. Danach kamen noch mehr Menschen, ein kleiner Vogeltourismus entstand und bescherte dem Supermarkt sogar ein paar neue Kunden. Jemand versuchte, den Wellensittich einzufangen, was der jedoch verweigerte. Zumal er sich auch nicht unwohl fühlte inmitten seiner neuen Familie. Immer mehr glich er sich den fröhlichen Spatzen an. Im Verhalten und in der Lautäußerung. Seine Sprachbegabung nutzend, mischte er in sein Gezwitscher immer verwegenere Töne, die mehr und mehr die unmelodische Färbung der Spatzenlaute wiedergaben. Bis man von ihm eines Tages, als Zeichen der vollends geglückten Integration, ein perfektes Tschilpen hörte.

Karin Tamcke

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