Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Guten Appetit!

Tiergeschichten Guten Appetit!

Ich sehe ihn nun mit anderen Augen. Er ist wahrlich kein attraktives Kerlchen, doch der Tigerschnegel kann sich meiner Fürsorge sicher sein. Er ist auch eine Schnecke, doch er hat die dicken nackten Braunen einfach zum Fressen gern.

Voriger Artikel
Schlangen, Vogelspinnen, seltene Frösche
Nächster Artikel
Kein böser Wolf
Quelle: NABU/Helge May

Man sollte tatsächlich niemals nach dem Äußeren gehen! Denn der erste Eindruck, den er bei mir hinterließ, war alles andere als positiv.

Ich bin ein tierlieber Mensch. Doch was ich mittlerweile hasse, das sind diese braunen nackten Schnecken. Ich mag die kleinen Schnirkelschneckchen mit ihren bunten Häusern und vor allem die Weinbergschnecken, die sich so nach und nach in meinem Garten ansiedelten und auch erfreulich vermehrten. Es gibt unter ihnen schon richtige Dynastien, Großväter mit einer hellen Kalkschicht auf dem beeindruckend großen Haus, Schnecken mittleren Alters in mildem Karamellton und das Jungvolk, das sich mit einer kleineren Behausung in einem glänzenden Braun begnügt. Urlaub! kommt mir in den Sinn, wenn ich die sanften Riesen sehe. Sommer in Südfrankreich! Oder Träume von aufragenden Weinbergen am sonnigen Ufer des Rheins. Wohltuende Bilder und Gedanken. Die friedlichen, gelassenen Wesen verursachen auch keine Schäden, sondern ziehen entspannt und gemütlich ihre Bahn durch den Garten. Mit Sorgfalt umrunde ich sie und trage sie vorsichtshalber aus jeglicher Gefahrenzone.

Aber dann, vorzugsweise bei Regen oder mit einbrechender Dunkelheit, kommt ein anderes Kaliber! Dann kommen sie! Sie kriechen aus ihren Löchern, diese nackten braunen Schleimer. Sie bringen mich ganz und gar nicht zum Träumen, erzeugen eher Alpträume. Sie sind offensichtlich geboren, um alles ratzekahl zu fressen. Meine Funkien? Weg! Meine Erdbeeren? Weg! Selbst die Petunien in den Kästen sind nicht sicher vor ihnen. Und nach dem Kahlschlag hinterlassen sie dreist ihre Visitenkarten in Form von klebrigem, glänzendem Schleim.

Am schlimmsten trifft es die Kaninchen. Wenn ich ihnen das Futter bringe, wartet schon genüsslich eine Horde der braunen Vielfraße. Es ist für sie ein leichtes, durch die Maschen des Drahtzauns in das Gehege zu kriechen. Hier machen sie sich ohne Skrupel über das Gemüse her, als gäbe es nicht genug an Grünzeug in den restlichen Teilen des Gartens. Sie schleimen die Näpfe voll und lassen von Sellerie und Karotten nur noch Fragmente übrig, ungenießbare Reste. Kaum kann ich die Füße setzen, ohne auf Schnecken zu treten.

In mir wachsen Mordgelüste, doch nein, ich mag sie trotz allem nicht töten. Meine Gegenmaßnahmen sind daher eher lächerlich und zeugen von großer Hilflosigkeit. Ich fege den Mob zusammen und schaufele ihn in die Region des Gartens, die dem Wildwuchs vorbehalten ist. Doch kaum habe ich mich umgedreht, sind sie wieder da. Da rede noch einer von Schneckentempo!

Dann las ich etwas Interessantes. Ich las etwas über IHN! Über den Tigerschnegel, ich wusste vorher nicht einmal den Namen. Er war mir zwar aufgefallen, wenn er sich unter die Schleimer mischte. Und es war mir nicht im geringsten klar, dass er angesichts der Katastrophe mein Hoffnungsträger werden sollte. Ich sah einen elfenbeinfarbenen Körper mit vielen schwarzen Punkten, formiert zu Tigerstreifen, inmitten der braunen Horde. Er war mir ebenso widerlich wie seine verhassten Kollegen. Denn auch er, er kann es nicht verheimlichen, ist eine Nacktschnecke wie die anderen. Was sollte ich von der schon erwarten? Wie hatte ich ihn doch verkannt, ahnungslos, wie ich war! Wie hätte ich darauf kommen sollen, dass ich in diesem Wesen einen Verbündeten finde würde, eine Hilfe gegen die Plage? In reiner Unwissenheit wurde auch er evakuiert!

Bis er sich mir über diesen Artikel in der Zeitung offenbarte. Ich sehe ihn nun mit anderen Augen. Ihm fehlt zwar jeglicher Kuschelfaktor, um ihn dankbar zu hätscheln, er ist wahrlich kein attraktives Kerlchen, doch er kann sich nun wie die Weinbergschnecken stets meiner Fürsorge sicher sein. Denn ich weiß es endlich: Der Tigerschnegel frisst keine Funkien kahl, er frisst überhaupt nichts kahl, sondern er ernährt sich von Pilzen und verrottenden Pflanzen, und das auch nur am Rande. Er ist zwar eine Schnecke, doch kein Vegetarier. Dafür hat er die nackten Braunen einfach zum Fressen gern! Es ist kaum zu glauben, aber seine Lieblingsspeise sind dicke, nackte Schnecken! Braune Schnecken! Ich stehe nicht auf Kannibalismus, doch in diesem Falle sehe ich gerne darüber hinweg. Ich wünsche ihm stattdessen einen guten Appetit!

Karin Tamcke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tiergeschichten

Gemäß des packenden „Drei in einer Reihe“-Prinzips müssen Reihen aus mindestens 3 Steinen gebildet und aufgelöst werden. Hier kostenlos im Spieleportal von LVZ.de spielen! mehr

  • Belantis - Infos und Events
    Belantis - Infos und Events

    Belantis - das AbenteuerReich im Herzen Mitteldeutschlands. Hier gibt es Neuigkeiten und alle Infos zu den Events! mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr