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Gutes Karma

Tiergeschichten Gutes Karma

Wenn sich Krishnamurta ihr Dasein so betrachtet, dann kann sie mehr als zufrieden ein. Es gibt für sie überhaupt nichts zu meckern. Trotzdem meckert sie den lieben langen Tag, doch ist das leicht zu entschuldigen. Krishnamurta meckert, weil andere Lautäußerungen ihr leider nicht gegeben sind

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Quelle: Jens Paul Taubert

Es ist die ihr zugedachte Art, sich der Umwelt mitzuteilen, denn schließlich ist sie eine Ziege. Eine Zwergziege, um ganz genau zu sein. Und sie ist, man kann es nicht anders sagen, eine rundum glückliche Ziege. Ein gutes Karma scheint sie durchs Leben zu tragen. Sie lebt zusammen mit fünf Artgenossen auf einem ehemaligen Bauernhof. Hier gibt es eine Wiese für den täglichen Gebrauch, selbstverständlich auch einen Stall, man kümmert sich um ihr Wohlergehen, es ist alles, wie es sich gehört, um eine Ziege zufrieden zu stimmen. Zusätzlich hat sie einen Job, den sie mit großer Freude ausübt.

Eine Ziege und ein Job? Das wird sich jeder fragen, der sich mit Ziegen auskennt. Ausgerechnet Ziegen, die offensichtlich ein Gen für Unfug in sich tragen, diese neugierigen, frechen Wesen, denen nichts heilig ist, denen vertraut man die Verantwortung für einen ernsthaften Job an? Doch trotz aller anfänglichen Bedenken kann man heute nur sagen, dass die Ziege Krishnamurta in der Lage ist, ausgezeichnete Arbeit zu leisten. Das Ganze begann so: Früher war die Weide ihr Lebensmittelpunkt, sie graste, sie turnte auf dem Klettergerüst, das extra für die Ziegen angefertigt worden war, sie übte sich darin, den Weidenzaun zu überwinden, weil das Ausbrechen für jede Ziege eine Ehrensache ist. Sie lebte folglich ein ganz normales Ziegenleben. Ihre Besitzerin wiederum verbrachte ihre Tage mit der hehren Aufgabe, anderen Menschen Körperübungen beizubringen, die man auch Yoga nennt. Alles war gut, wie es war, sie arbeitete in den Räumen, die Ziegen vergnügten sich draußen. Doch dann las sie einen Bericht über eine Yogaschule, die – man höre und staune – Ziegen integrierte. Man sprach dort tatsächlich von einer großen Bereicherung. Auch wenn hier alles gut war, warum könnte es nicht noch besser werden? Zwar spielte sich das Ganze im fernen Amerika ab, doch was drüben offensichtlich funktionierte, sollte auch hier zumindest nicht unversucht bleiben.

Und so geschah es dann auch. Die Tenne wurde mit Stroh ausgelegt. Alles war bereit für die Bereicherung durch Ziegen. Seitdem bereichert Krishnamurta gemeinsam mit ihren Schwestern. Sie bereichert auf ihre spezielle Art, brauchte dafür keine Schulung. Sie hat nur ganz sie selbst zu sein. Und das fällt keiner Ziege schwer. Sie darf den Raum durchhüpfen, wenn das Bedürfnis entsteht, sie darf das Stroh zerwühlen, sie darf sogar auf die Menschen klettern. Nur einmal, als sie eine Basttasche fraß, kam ein wenig Unmut auf. Doch anders als die Artgenossen liegt sie die meiste Zeit ganz entspannt im Stroh, nimmt die Atmosphäre auf, die das Training begleitet, genießt ein vorher nicht gekanntes Wohlgefühl. Auch für sie ist das Yoga ein Gewinn, ganz abgesehen von den vielen Streicheleinheiten, die ihr gerne gegeben werden. Die sanften Töne der Entspannungsmusik dimmen ihr übermütiges Temperament in angenehmer Weise herunter und stellen einen neuen Zugang zu den Kraftquellen ihres durchaus vorhandenen Geistes dar. Feinstoffliche Energien durchströmen ihren Körper und vermitteln ihr ein neues Wissen über die Kraft der inneren Balance, bislang war ihr nur die äußere vertraut, die sie bei ihren Klettertouren in bewundernswerter Vollendung beherrscht. Auch gerät ihr Wiederkäuen in hohem Maße kontemplativ, dieses gleichmäßige sanfte Mahlen der Zähne, dessen Anblick bei den Turnern die Wirkung der Meditationen verstärkt. Sie kuschelt sich an die übenden Schüler, die den Fell-Kontakt sehr genießen, sie nimmt Zuneigung auf und gibt sie weiter. So profitiert dann einer vom anderen. Da turnen sich die Asanas am Ende fast von selbst.

Die Yoga-Kurse haben einen regen Zulauf bekommen, das teilweise Angestrengte ist aus dem Unterricht verschwunden, keiner strebt mehr nach verkrampfter Perfektion. Auch wenn der „Reiher“ nicht immer gelingt, die „Schildkröte“ im Rücken schwächelt, die „Heuschrecke“ flügellahmt oder der „Seitliche Winkel“ verkantet, es gibt viel Freude und Lachen, was entspannender wirkt als jede akkurat geturnte Übung. Und alles dank der Ziegen. Selbstverständlich wird Krishnamurta nie eintauchen können in die ausgeübte Kunst der Asanas, auch die Atemübungen werden ihr nie exakt gelingen. Zur Erleuchtung wird sie ebenfalls nie finden, doch das strebt eine Ziege vermutlich auch nicht an. Aber wer weiß das schon so genau?

Karin Tamcke

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