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Haben Mücken kein Gewissen?

Haben Mücken kein Gewissen?

Der Kater sitzt in seinem Karton und starrt entrückt zur Zimmerdecke. Schon eine ganze Weile. Was sieht er da, was ich nicht sehe? Dann löst sich sein Blick vom fixierten Punkt, schweift angeregt durch den Raum.

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Quelle: dpa

Und nun verstehe ich. Ich sehe sie noch nicht, aber ich höre sie. Die Mücke. Unverwechselbar ist der gemeine Sirenenton. Es gab in meinem Leben schon viele Berührungspunkte mit dieser sirrenden Spezies. Ich kenne sie daher sehr genau. Uns verbindet eine Liebe, die restlos einseitig ist.

Die innige Verbundenheit begann bereits in meiner Jugend. Jede Mücke in der Umgebung schaltete auf Autopilot mit der festen Zieleingabe: mein unschuldiger Kinderkörper. Mein Umfeld hatte die Garantie für umfassende Sicherheit, wenn ich in der Nähe war. Die Blutsauger stürzten sich nur auf mich, als wär ich der einzige Mensch auf der Welt. Haben Mücken kein Gewissen? Mit Grausen denke ich an die Nächte, wenn im Schutze der Dunkelheit das tückische Insekt seine Flugbahnen um mich zog. Unsichtbar, doch nicht zu überhören. Und ich wusste es genau, die Mücke würde mich erwischen. Man kann nicht die ganze Nacht unter dem Deckbett verbringen. Am nächsten Morgen war ich übersät mit den juckenden Stichen. Ich entwickelte eine Phobie gegen diese Plagegeister, begann den Schlaf zu verweigern, bis eine mitfühlende Seele die Mücke aus dem Raum vertrieb.

Ich wuchs heran, die Zeit verging, doch die Mücken blieben. Ich heiratete und mein Mann hatte Glück. Er bekam durch diese Ehe den besten Mückenschutz. Sie flogen zu mir und verschonten ihn. Doch dann geschah das Wundersame. Unser Kind war unterwegs – und plötzlich drehten die Mücken ab. Ich war nicht mehr attraktiv für sie. Die speziellen Hormone brachten die Mücken aus dem Takt. Mit gerümpftem Rüssel schwenkten sie rüber zur nächstbesten Quelle und mein Mann bekam einen Einblick in mein jahrelanges Martyrium. Während er fluchend um sich schlug, sonnte ich mich endlich in Mückenabstinenz. Müßig anzuführen, dass nach der Geburt meines Sohnes die Mücken die Flugrichtung änderten und ihre Zuneigung zu mir wie selbstverständlich erneuerten. Die Situation eskalierte, als wir im Urlaub nach Finnland fuhren. Ein Land der Wälder, Seen und Mücken. In Scharen fielen sie über mich her gleich einer dunklen, summenden Wolke. Da half nur eine Ganzkörper-Kluft aus dicht gewebten Stoffen, obwohl es Sommer war. Ich konnte sie beobachten bei ihrem eifrigen Bemühen, den Rüssel durchs Textil zu stechen. Sie bohrten und gruben und mühten sich ab, doch dem festen Stoff waren sie nicht gewachsen. Wenn sie sich allzu mausig machten, scheuchten meine behandschuhten Händen sie ohne Mitleid fort. Doch wehe, ich nutzte die glasklaren Seen zu einem erfrischenden Bad. Diese Gunst der Stunde nutzten die Mücken mit Vehemenz und hinterließen ihre Visitenkarte. Ich sah nach ihrem Ansturm aus, als hätte ich die Masern. Somit war Finnland als Urlaubsziel für alle Zeiten gestrichen.

Da mutete unsere Idee, einen Teich im Garten anzulegen, fast wie Selbstzerstörung an. Die ersten Lebewesen, die ihn sofort bevölkerten, waren Mückenlarven. Nun hatten wir vor der Haustür unsere eigene Mückenzucht, die höchst erfolgreich lief. Die Larven zuckten froh durchs Wasser und erfreuten sich bester Gesundheit. Sie taten bald, was sie tun mussten. Von der Wasseroberfläche stiegen Mückenschwärme auf und machten jeden Sommerabend zu einem denkwürdigen Erlebnis, auf das ich gerne verzichtet hätte. Und nun also auch im Winter! Frech schwirrt sie durch mein Haus. Bekannt ist, dass nur die Weibchen den Winter überleben. Bekannt ist aber auch, dass sie es sind, die stechen... Der Kater guckt ihr hinterher. Normalerweise ist sein Interesse größeren Tieren vorbehalten. Doch er hat wenig zu tun, es ist kalt, er langweilt sich. Die Mücke füllt nur eine Lücke. Er betrachtet sie ganz unaufgeregt. Kein Wunder, ich habe auf seinem Körper noch nie einen Mückenstich gesehen. Das Opfer werde ich wieder sein. Ich brauche keine Kristallkugel, um sicher vorherzusagen, dass sie früher oder später mein Blut abzapfen wird. In mir wächst der Wunsch nach einem Kammerjäger. So verführerisch der Gedanke auch ist, ich verwerfe ihn schnell wieder. Ich will trotz allem aus einer Mücke keinen Elefanten machen.

Karin Tamcke

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