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Helenes Freiheit

Helenes Freiheit


Es war Liebe auf den ersten Blick. Liebe, Bewunderung, Empathie. All das verknüpfte sich zu dem vorherrschenden Gedanken: Wir müssen sie befreien! Sie, das war ein kleines weißes Wesen im Fenster eines Zoogeschäftes.

. Ein weißes Etwas mit schwarzem Kopf, der Aalstrich in dunklen Punkten gesetzt. Ein Goldhamsterchen im weißschwarzen Look.

Mit unerschütterlichem Glauben an sich selbst versuchte es, die Stäbe des Käfigs zu durchnagen, in dem es gefangen war. Unermüdlich und tapfer.

Wir trafen aufeinander während einer Urlaubsreise, von Campingplatz zu Campingplatz, quer durch das ganze Land. Ein Spaziergang am Abend zwecks Erkundung der fremden Stadt führte uns zu besagtem Geschäft und damit zu Hamster Helene, nehmen wir den Namen ruhig vorweg. Es war weit nach Geschäftsschluss und eine Zusammenführung von Tier und Mensch bedurfte daher eines Aufschubs, der am nächsten Morgen kurz nach der Öffnung des Ladens endlich beendet war. Wir erwarben eine Hamsterausrüstung in reisetauglicher Form und kauften den Möchtegern-Ausbrecher frei. So kam Helene zu uns und machte ohne Probleme unsere Ferientour mit, was ihr bereits in jungen Jahren eine umfassende Kenntnis über Land und Leute verschaffte und speziell über alle möglichen Campingplätze. Eine Kenntnis, die sie zum Glück nicht nutzte, obwohl ihr Interesse nach wie vor der Freiheit galt.

Die bekam sie abends auf der großen Fläche unserer aufgebauten Schlafstatt, wobei die ganze Familie aufpassen musste, dass der Hamster nicht im Innenleben des Wohnmobils verschwand. Ansonsten erfreute sie uns durch ihr lebhaftes Wesen, ihre neugierigen Knopfaugen und vor allem durch ihr Outfit, das so streichelweich und pelzig war. Wir pflückten ihr auf den Wiesen unterwegs Löwenzahn und Kamille und als die Temperaturen anstiegen, konstruierten wir für sie eine Klimaanlage, indem wie eine Getränkedose ins Eisfach des Kühlschranks legten und anschließend in den Käfig taten.

Zu Hause angekommen, zog sie von ihrem Reisekäfig um in ein großes Hamsterheim mit mehreren Etagen. Sie baute sich aus Papiertüchern ein kuscheliges Nest und verteidigte es gegen Eindringlinge mit äußerster Entschlossenheit. Wobei auch aus ihrer Sicht die Hände ihrer Versorger als Eindringling zu betrachten waren. Will heißen, Helene biss in alles, was sich ihr entgegenstreckte. Da Hamster lange und spitze Zähne haben, richtete sie mit Regelmäßigkeit ein ziemliches Blutbad an. Lief sie frei herum, war sie liebevoll und zärtlich, was auch optisch durch ihr Erscheinungsbild eine starke Unterstützung fand. Dieses Schneeflockenweiß sah so unschuldig aus, die schwarzen Punkte wie neckisch hingetupft. Sie war ein bildschöner Hamster.

Fast wäre der Freiheitsdrang ihr zum Verhängnis geworden. Ihre Ausbruchstaktik hatte sie ständig verfeinert und zur Perfektion gebracht. Und so fiel es eines Tages auf, dass sich Kater Murphy in seltsamer Schräglage auf dem Teppich befand, seine Vorderpfoten angelnd unter das Regal geschoben, auf dem der Hamsterkäfig stand. Nach Beseitigung des Katers konnte man in der äußersten Ecke, zwischen Fußboden und Wand, ein Hamsterchen kauern sehen. Helene war es gelungen, die Verriegelung ihrer Tür zu öffnen. Doch der Triumph der großen Freiheit und damit ein intensiverer Kontakt mit Murphy blieb ihr glücklicherweise versagt. Wir aber brachten an ihrer Pforte eine zusätzliche Sicherung an.

Helene machte uns viel Freude, aber auch einige Sorgen. Eine hartnäckige Bronchitis, wahrscheinlich die Folge spezieller Zucht, bedurfte der Behandlung. Daraus erwuchs dem Hamster das Recht, auf allen Urlaubsfahrten die Familie zu begleiten, da unserem Tiersitter die tägliche Medikamenteneingabe nicht zuzumuten war. So konnte Helene ihre Geografiekenntnisse stets erweitern, was sie jedoch nicht überheblich machte.

Trotz der Bronchitis hatte sie ein langes Hamsterleben. Und auch als sie schon längst verschieden war, wurden wir stets an sie erinnert. Sie hinterließ uns ein ewiges Andenken in Form von großen Löchern im Teppichboden unter ihrem Regal, von nagenden Hamsterzähnchen geschaffen.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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