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Ins gemachte Nest gesetzt...

Ins gemachte Nest gesetzt...

Die Überraschung war perfekt. Und leider nicht erfreulich. Müde waren sie angekommen. Ermattet vom langen Flug. Und dann das! Schon Ewigkeiten wohnten sie hier, verbrachten die warmen Jahreszeiten in ihrem Sommerquartier.

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Quelle: Michael Kaatz

Man schätzte sie im Dorf. Das Erscheinungsbild des Ortes wurde durch sie abgerundet.

Nun standen sie auf der Straße, von einem Langbein aufs andere wechselnd. Schickten fassungslose Blicke hoch zum Dach des alten Stalles. Mit Entsetzen sahen sie, dass sich jemand ohne zu fragen bei ihnen eingenistet hatte. Wobei hier jedes Fragen mehr als unnütz gewesen wäre. Niemals hätten sie freiwillig den gewohnten Platz geräumt.

Es war ihr angestammtes Nest. Die imposante Größe wies auf die lange Bauzeit hin. Von Jahr zu Jahr war es gewachsen. Sie hatten hier Eier gelegt, ihre Kinder ausgebrütet, sie sorgsam aufgezogen. Und nur, weil sie, die Störche, im Herbst gen Süden geflogen waren, wie es sich für Störche gehört, hieß das nun noch lange nicht, dass jemand ihr Heim besetzen durfte. Es waren nicht einmal Artgenossen, die da in luftiger Höhe das Hausrecht demonstrierten. Nein, es waren Gänse. Unverschämte Gänse. Nilgänse, um es genau zu sagen. Wären sie doch am Nil geblieben! Weit weg im fernen Ägypten. Aber nein, Afrika war nicht genug.

Eitel wie sie sind, hatten sie sich als Ziergeflügel nach Europa bringen lassen. Zwecks Verschönerung von Parkanlagen. Sie verschönerten eine Weile, dann büxten einige aus. Verbreiteten sich in freier Wildbahn. Nun hockten zwei dieser frechen Migranten in ihrem Storchennest und machten eindeutig klar, dass sie nicht zu weichen gedachten. Die Störche konnten sich nur empören über diese Dreistigkeit. Dann kam Verstörung über sie. Sie äußerten das durch lautes Klappern. Die Gänse zeigten sich unerschrocken. Sie gaben Schnatterlaute ab, die anschwollen zu lauten Trompetentönen, und rührten sich nicht von der Stelle. Die Störche versuchten sich im Verhandeln, doch sprach man nicht die gleiche Sprache. Es war ein einziges Desaster. Bald würde die Brutsaison beginnen, es blieb nicht ewig Zeit. Doch wo sollten sie nun brüten?

Die Nilgänse waren mitleidslos. Der Zufall und ihr scharfes Auge hattensie zu dem Nistplatz geführt, der in einladender Leere auf dem Dach des Stalles ruhte. Es gab kein Zögern, kein weiteres Überlegen. Sie setzten sich ins gemachte Nest. Nun waren sie bereits dabei, die Schäden auszubessern. Nie würden sie die Bleibe räumen. Schon gar nicht für ein paar Störche. Im Vorjahr hatten sie in einem alten Baum gebrütet. Sie zeigen sich nicht sehr wählerisch, die Brut kann selbst im hohen Gras oder zwischen Steinen erfolgen. Doch diese Penthouse-Wohnung mit exzellenter Aussicht war zweifellos attraktiver.

Sie schütteten für alle Fälle Kampfhormone aus. Das merkten auch die Störche. Sie standen da und formten ihr Leid in immer lauteres Klappern um. Sie klapperten verzweifelt, mit vollem Körpereinsatz, bogen die Köpfe weit nach hinten. Sie legten all ihr Elend in dieses Klappern hinein. Die Dorfbewohner hörten es und wurden von Mitleid ergriffen. Es lag ihnen viel an den Störchen. Der Bürgermeister registrierte die Dringlichkeit der Sache, berief eine wichtige Sitzung ein. Man überlegte hin und her. Benannte einen Storchenbeirat. Der arbeitete ein Programm aus. Ein spezielles Hilfsprogramm.

Zugegeben, es war ein Versuch. Ein hoher Mast wurde aufgestellt, ein Rad zusammengeschweißt. Die Frauen des Dorfes umflochten es mit Weiden- und Haselzweigen. Sie flochten in das Storchennest ihre Zuneigung mit hinein und alle guten Wünsche. Würden die wohnungslosen Störche das Angebot akzeptieren? Die staksten vorerst zweifelnd um den Mast herum. Zeigten Unschlüssigkeit. Dann erhoben sie sich in die Lüfte und nahmen zur Freude der Dorfbewohner die Erstbesichtigung vor. Es schien ihre Akzeptanz zu wecken, was für sie vorbereitet worden war. Sie begannen, die Wohnung zu erweitern, für ihre Zwecke zu möblieren, schleppten lange Äste heran, brachten Schilf und Reisig ein und als Polsterung Heu und Moos. Endlich war alles fertig.

Frau Storch legte eiligst ein Ei. Und dann gleich noch zwei dazu. Dann war sie bereit. Sie entspannte sich, knickte die langen Beine ein, faltete sie sorgsam zusammen und presste ihr softes Bauchgefieder liebevoll aufs Gelege.

 

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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