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Jedes Ding hat zwei Seiten

Jedes Ding hat zwei Seiten

Es begann mit einer vergessenen Tüte. Sie lag in meinem Vorratsraum und fiel einer Aufräumaktion zum Opfer. Vogelfutter war darin, ein Rest vom vergangenen Jahr. Ich befreite die Tüte aus der Vergessenheit und deponierte sie vorerst auf dem Terrassentisch.

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Quelle: Jens Paul Taubert

Futter in einem Vorratsraum hat wenig Möglichkeiten, sein Dasein zweckgerichtet und final zu beschließen. Während ich mir die Frage stellte, ob es sich lohnte, für den kleinen Rest das eingemottete Futterhäuschen wieder zu aktivieren, vergaß ich die Tüte erneut. Schließlich ist Vogelfutter nicht von so großer Wichtigkeit, dass man es allem überordnet.

Am nächsten Morgen konnte ich nicht umhin, eine Veränderung festzustellen. Ein kleines Rinnsal aus Körnern bahnte sich durch ein Loch in der Tüte seinen Weg nach draußen und verkrümelte sich zwischen den Bohlen des Tisches. Was ich seltsam fand, mir war kein Loch in Erinnerung. Um Reinlichkeit bemüht, schüttete ich die Körner in eine große Schale und wandte mich im Hause anderen Dingen zu. Die Pause in meiner Anwesenheit nutzte jemand aus: Ein Eichhörnchen wieselte flink über die Terrassenmöbel. Damit erklärte sich auch die in die Tüte genagte Öffnung. Das Hörnchen zeigte sich begeistert über den gedeckten Tisch. Aus einer Schüssel zu futtern war wesentlich komfortabler als durch ein schnödes Loch in der Tüte.

Durch die Fensterscheibe beobachtete ich den putzigen Gast. Und sah plötzlich dreifach. Meine Einladung zum Essen hatte die ganze Hörnchensippschaft an die gedeckte Tafel geholt. Ich freute mich über den Besuch, ich finde die rothaarigen Nager einfach zauberhaft. Allerdings nicht deren Tischmanieren. Nach ihrem ausgedehnten Mahl war die Terrasse übersät mit den leeren Schalen der Sonnenblumenkerne. Erst kürzlich hatte ich alles vom Winterschmutz befreit, hatte gefegt und hochdruckgereinigt. Doch was wogen die entkernten Hülsen gegen den Anblick der netten Hörnchen? Bei dem guten Zuspruch neigte sich spürbar der Futterpegel. Die Eichhörnchen signalisierten damit: Ich würde Nachschub kaufen müssen.

Doch nun sprach es sich schnell herum, dass in meinem Garten ein Drei-Sterne-Restaurant eröffnet hatte. Die erste Kohlmeise kam zum Frühstück. Sie zwitscherte ihre Empfehlung allen anderen zu.Dann war auch die Spatzenhorde da. Sie hüpften über Tische und Bänke und bedienten sich lautstark am Buffet. Amseln machten Pause zwischen Würmchensuche und Kinderpflege und nahmen ein paar Kerne auf. Die Gästeschar wuchs und wuchs. Unter dem Dach der Terrasse fand sich alles ein, was mein Garten aufbieten konnte. Selbst eine kleine Maus schnurrte über den hölzernen Boden und sammelte von den Bohlen die verstreuten Körner. Mit dieser Kostgänger-Invasion hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Alles war gut und schön. Und meine betagte Katze, zum aktiven Jagen viel zu bequem geworden, fand ihre Erlebniswelt gleich hinter der Fensterscheibe. #

Nun ist es mit Futter und Vögeln so, dass zwischen Aufnahme und Verlassen nur eine kurze Zeitspanne liegt. Was vorne in den Schnabel kommt, gibt kurz darauf der Vogel am anderen Ende wieder ab. Das taten auch meine Vögel – bevor sie die Terrasse verließen. Jedes Ding hat zwei Seiten, bei Vögeln ist das nicht anders. Es dauerte nicht lange, da hatte die rückwärtige Vogelseite das ganze Umfeld bekleckst. Nicht die beste Voraussetzung für eine Benutzung der Möbel. Meine Freude verlor an Wirkung. Ich wollte und konnte nicht die Freizeit in einer Voliere verbringen, die am Ende jeden Tages nach dem Hochdruckreiniger schrie, denn mit Fegen war hier nichts mehr getan. Als schnellste Hilfsmaßnahme entzog ich dem Volk den Napf.

Und dann geschah etwas, das mich traf bis ins innerste Mark. Von meinem Arbeitsplatz aus sah ich ein kleines Hörnchen kommen. Es suchte auf dem Tisch und unter allen Möbeln. Dann hüpfte es dicht an die Tür, stützte sich mit den Vorderpfötchen an der Scheibe ab und schaute zu mir ins Zimmer. Es stand da, kaum einen Meter entfernt, und guckte mich einfach nur an, mit so viel Enttäuschung im Blick. Wer könnte das ertragen? Ich kramte das Vogelhaus aus dem Schuppen und stellte es im Garten auf – weit entfernt von der Terrasse. Es ist zwar nur eine Imbissbude, doch manchmal ruft das Leben nach einem Kompromiss.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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