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Jule und der Blätter-Teich

Jule und der Blätter-Teich

 Venus, so ein Name verpflichtet. Man denkt an Venus, die Schaumgeborene, an die Göttin der Liebe und der Schönheit. Diese Venus, in deren Papieren „Venus von der Rotenburg“ stand, hatte nichts dergleichen.

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Quelle: André Kempner

Nichts von einer Göttin und schon gar nichts Schaumgeborenes. Im Gegenteil. Dieser Hund war wasserscheu bis zum Niedergang. Und mit der Schönheit war es auch nicht weit her. Sie sollte nicht an ihren Verpflichtungen verzweifeln. Daher tauften wir sie um in Jule.

Jule war ein Sozialfall. Sie kam zu uns mit fast drei Jahren. Wir waren die fünften Besitzer. Das erklärt vieles. Eigentlich hatte man sie einschläfern wollen, da sie sich schwer tat, ihre Daseinsberechtigung nachzuweisen. Sie war ein Hund, den keiner mehr wollte. Da wir viele Tiere hatten, die übrig geblieben waren, spielte es keine Rolle mehr, dass nun auch eine Deutsche Dogge zu unserem Haushalt gehörte. Das zu Jules Vorgeschichte, man möge ihr deshalb so manches verzeihen. Denn Jule hatte Marotten und Ängste. Sie hatte sie sorgsam angehäuft und war nun nicht bereit, so einfach davon abzulassen. Was sie glaubte, nicht zu können, das tat sie einfach nicht. Da ließ sie nicht mit sich verhandeln. Ihre schlimmste Angst überkam sie beim Anblick von Wasser. Es wurde einzig in ihrem Trinknapf toleriert. Jede noch so kleine Pfütze auf der Straße veranlasste den Hund, auf der Stelle umzukehren und der heimischen Liegestatt zuzustreben.Badezimmer und Küche unseres Hauses waren absoluter Tabu-Bereich. Und bei Regenwetter ging Jule erst gar nicht vor die Tür.Es war ein herrlicher Spätherbsttag mit strahlendem Sonnenschein. Kein Wassertropfen war in Sicht, weder vom Himmel kommend noch in Straßenpfützen. Es hätte ein idealer Tag werden können für Jule und für uns. Willig ließ sie sich zu einem Spaziergang überreden. Sie schnüffelte rechts und schnüffelte links und las so die hündische Tageszeitung. Der Ausflug ging zum nahen Stadtpark. Jule stapfte durch das bunte Laub, das die Wege bedeckte. Laub war für sie in Ordnung, es war heute nicht nass und daher auch nicht bedrohlich. Unterwegs wurde der eine oder andere Hund ignoriert, denn Jule hasste andere Hunde. Das gehörte zu ihren Prinzipien.

Der Stadtpark war ein schöner Park und Jule wohlbekannt. Er hatte in einer Senke einen kleinen Teich, den Jule mit großem Sicherheitsabstand stets weiträumig umrundete. Heute war er verschwunden. Kein Teich weit und breit zu sehen. Stattdessen die Wege dicht und dick mit buntem Laub gepflastert. Das Blattwerk raschelte und kitzelte ein bisschen an Jules Ballen. Es war so bunt und die Sonne schien so warm und hell und Jule überkam ein Anflug von Lebensfreude. Sie sprang umher und rannte den Weg hinunter und geradewegs auf eine große Laubfläche zu, die sich eben und verlockend vor ihren Augen ausdehnte. Sie sprang hinein in diese Fläche mit einem großen Satz – und es machte platsch! Damit hatte sie nicht gerechnet, dass unter den vielen Blättern das Wasser lauerte. Geballte Energiereserven, durch den großen Schock freigesetzt, katapultierten sie wieder ans Ufer. Und da stand sie nun. Zitternd. Tropfend. Erschüttert. Entsetzt. Blätter waren also auch gefährlich. Und sie lagen überall. Jule tat keinen Schritt mehr. Man kann eine Deutsche Dogge nicht tragen. Wir nahmen sie an die Leine und versuchten, sie zu ziehen. Man kann keine Dogge ziehen, wenn sie nicht gehen will. Wir lockten, beruhigten – befahlen. Man kann Jule nichts befehlen, wenn sie es nicht will. Wir versuchten, sie zu schieben. Sie stemmte ihre Vorderbeine ins Erdreich und blockierte so sich und unser Bemühen. Langsam erregten wir Aufmerksamkeit. Das kann man sehr gut mit einer Dogge. Sie fallen bereits durch ihre Größe auf. Und in einer solchen Situation allemal. Wir sahen im Geiste schon die Reporter, hörten das Klicken der Kameras, entdeckten uns auf der Titelseite der hiesigen Tageszeitung. Schließlich nahmen wir Jules Beine und bewegten sie mechanisch weiter. Vorne rechts, hinten links, vorne links, hinten rechts.....mit kräftigem Schub auf ihr Hinterteil. Es war ein mühseliger Rückweg. Und ein Spaß für die Leute im Park. Sie bildeten Grüppchen, zeigten auf uns, gaben launige Tipps und waren überaus belustigt. Als hätten sie noch nie einen Hund mit angezogener Handbremse gesehen. Erst nach Verlassen des Parkgeländes fand Jule wieder zurück zu einer natürlichen Gangart. Und wir taten einen Schwur: Unser nächster Hund wird klein und handlich! Es wird einer, den man tragen kann. Und notfalls in der Tasche verstecken. Ich glaube, es wird ein Chihuahua!  Karin Tamcke   

Karin Tamcke

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