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Kater-Fantasien

Kater-Fantasien

Der Kater liegt im Garten und gibt sich der Muße hin. Seine Ohren spielen sacht, nehmen den Gesang der Vögel auf. Belebend scheint die Sonne auf ihn und erwärmt ihm Fell und Seele.

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Ein ganz besonderes Nest
Quelle: dpa

Sein Chi durchströmt ihn ausgewogen, lind und samtig wird er umhüllt von einer Aura aus Seligkeit. Ein Schnurren stellt sich ein. Die Fähigkeit zum Relaxen – er nutzt sie ausgeprägt. Leichtgängig kann er von wilder Jagd in den Entspannungsmodus wechseln. Vorhin noch war er sehr heroisch, bejagte gefährliche Blätter. Nun aalt er sich in Freizeit. In ihm ist Wohlgefühl. Verträumt blickt er zum Himmel. Wolken ziehen vorüber, er formt sie in der Fantasie zu riesengroßen Mäusen. Im endlosen Raum verliert sich sein Blick. Träumt er von fremden Galaxien, von Mäusevorkommen auf unentdeckten Planeten? Fein ziseliert er seine Gedanken. Sie driften ab in andere Vorstellungswelten. Sucht er nach der Formel, die ihm die Welt erklärt? Sinnt er nach über das Sein einer Katze? Vielleicht sogar über Schrödingers Katze? Über eine theoretische Katze, die im Quantenzustand sowohl tot als auch lebendig sein kann, solange man nicht nachschaut?

Er selbst fühlt sich sehr lebendig. Da braucht er gar nicht nachzusehen. Doch wie verhielt es sich mit dem Blatt? Mit diesem vertrockneten Blatt? Der Wind wehte es durch den Garten. Leichtsinnig gab es sich, äußerst unvorsichtig. Er beobachtete es ein Weilchen, verstoffwechselte seinen Input, aktivierte seinen Jagdtrieb. Mit dem Blatt war es wie mit Schrödingers Katze. Auch sein Zustand war unbestimmt, so wenig festgelegt. Sowohl tot als auch lebendig. Es kam ganz darauf an. Biologisch betrachtet war es nicht mehr am Leben, doch gleichzeitig sehr lebendig. Lebendig, weil er es so wollte. Schließlich bewegte es sich im Wind. Hätte er sich sonst für ein gewöhnliches Blatt interessiert?

Und so wie es ihm gefiel, Wolken zu Mäusen zu ballen, verhalf er auch dem Blatt zu einer anderen Daseinsform. Er verwandelte es nach seinen Wünschen. Imaginierte einen Vogel hinein. Vorsichtig schlich er sich an. Ganz langsam und behutsam. So oft geübt – und leider ständig die Beute verfehlt, wenn es um wirkliche Vögel ging. Das hier war ein anderer Fall. Wesentlich aussichtsreicher. Dem Blatt fehlten die Reflexe und der Überlebenswille. Es versuchte zwar zu flüchten, doch sein Modus Operandi war wenig ausgeklügelt, ganz miserabel durchdacht. Es wirbelte planlos herum, er wirbelte hinterher. Hetzte ihm nach, sprang hoch in die Luft, tatzte und krallte. Je mehr sein Opfer die Flucht anstrebte, desto schneller agierte auch er. Eine Wechselwirkung zweier Teile. Dann zeigte er sich großzügig, ließ dem Blatt einen Vorsprung, belauerte es ein Weilchen, fühlte sich überlegen. Das Blatt wog sich in Sicherheit. Plötzlich schnellte er darauf zu, erlegte seine Beute mit einem zielgerichteten Sprung. Er gab der eigenen Schwerkraft nach, warf sich auf sein Opfer. Der Quantenzustand des Blattes zerfiel in viele Teilchen aufgrund zu großer Katermasse. Doch es gab noch weitere Blätter, die seinen Jagdtrieb reizten.

Endlich legte sich der Wind und beendete das Spiel. Der Kater fühlte sich als Sieger. Über ihn schwappte Euphorie aufgrund vollbrachter Heldentaten. Nun liegt er hier und genießt die süße Frucht des Erfolges. Dann schiebt sich vor die wilde Jagd auf die Blätter die Erinnerung an die Haushaltsrolle. Er hatte sie heute morgen entwendet. Auch sie ließ er vom unbelebten in einen lebendigen Zustand wechseln. Sie wurde spontan zum Eindringling. Zu einem fremden Kater, der sein Revier beanspruchte. Zu einem höchst aggressiven Kater. An Gefährlichkeit nicht zu überbieten. Mutig stürzte er sich in den Kampf, an Tapferkeit nicht zu überbieten. Nahm den Rivalen zwischen die Tatzen. Der Fremde sprang auf ihn, er wälzte sich auf den Rücken, krallte, kratzte und strampelte, die volle Abwehrstrategie, war dann wieder oben und gab dem Angreifer den Rest. Die zerfetzte Rolle würdigte er keines Blickes mehr, sie war erledigt für ihn. Wurde wieder zu Papier. Was zählte, war der Sieg. Die Erinnerung ist noch sehr wach, er spürt ihr lange nach. Er entspannt noch etwas tiefer, das hält sein Yin und Yang im Gleichklang. Immer noch blickt er hoch zu den Wolken, guckt Mäuselöcher in die Luft. Bis ihn plötzlich ein Urknall aus all seinen Träumen weckt: Das Plopp beim Öffnen der Futterdose.

Karin Tamcke

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