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Katertag

Katertag

Was da aus der Schnauze des Katers blinzelte, sah nicht nach Dosenfutter aus. Dosenfutter trägt keine Federn. Es war eine kleine Meise. Der Kater trug sie in seinem Maul.

Mit stolzgeschwellter Brust und hocherhobenen Hauptes. Wie hatte er es geschafft, sie zu fangen? Seine Jagdstrecke war bislang eher kurz: Ein paar gefundene tote Mäuse und träge Libellen, die er sich von den Schilfhalmen am Ufer unseres Gartenteichs pflückte. Er war halt mehr Sammler als Jäger.

Ich trat in Kommunikation mit ihm, von verständlicher Sorge getrieben. Forderte die Herausgabe der Beute. Vorsichtig und auf der Stelle. Schließlich ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. –

Wie, wo, was...? Schieres Entsetzen kräuselte die Katerstirn. In seiner Seele tobte der Kampf. Verzicht auf seinen Fang? Auf seinen Triumph, sein Meisterstück? Widerwillig klappte er das Scharnier seiner Kieferknochen auf und spuckte die Meise in meine hohle Hand. Ein Flaumbällchen. Federleicht und winzig. Ein kleines Meisenkind. Und es war heil und munter. Nicht eine einzige Feder hatte der Kater ihm gekrümmt. Das Meisenkind sagte nicht mal piep. Ich setzte es auf die Gartenbank und sperrte die Katzen weg. Es dauerte nur wenige Minuten, da erschien auf dem Dach die aufgelöste Meisenmutter. Übergroße Wiedersehensfreude, aus Vorsicht zeitlich knapp bemessen. Nichts wie weg von hier. Mama lockte, das Meischen folgte mit kleinen Hopsern und meterkurzen Flugversuchen. Aufatmen bei Meisen und Menschen. Frustration bei den Katzen.

Viele Stunden später. Man sollte es nicht glauben. Wieder umspielten zarte Federchen die Lefzen des stolzen Katers. Selig schleppte er seine Trophäe. Die Erfüllung seiner Träume. Heute war sein Tag. Denn endlich gehörte auch er dazu. Er hatte sich eingereiht in die Riege der tapferen Jäger. „Leopold, gib her!“ Meine unmissverständlichen Worte rissen ihn brutal aus dem Siegestaumel. – Der Piepmatz war wieder unversehrt. Dann die Vortags-Prozedur. Auf der Dachrinne saß schon die genervte Meisenmutter. Routiniert nahm sie ihr Kind in Empfang. Hinter der Scheibe maulten die kasernierten Katzen. Sie blieben ab jetzt im Haus. Man soll das Glück nicht zu sehr strapazieren. Und die Vorsicht zahlte sich aus: Am kommenden Morgen war er wieder da, unser Meisenknabe. Mit unbeschwerten, fröhlichen Hüpfern bewegte er sich durch den Garten in Richtung Terrassentür. Dahinter die Katzen – voller Groll auf die Scheibe, die verhinderte, dass zusammenkam, was nach ihrer Meinung zusammengehörte. Mama Meise war entsetzt. Sah ihren Sohn schon als Beilage auf dem Katzen-Frühststücksbüffet. Sie befahl den sofortigen Rückzug. Sie flatterte, schimpfte, lockte. Versprach ihm alle Würmchen der Welt. Der Kleine zeigte sich unbeeindruckt. Zielstrebig hopste er weiter auf seinem eingeschlagenen Weg. Genau bis vor die Scheibe, hinter der die Katzen hyperventilierten. Die Meisenmutter tobte und flehte. Die Katzen hechelten und heulten. Der Federball barst fast vor Übermut. Mama Meise war kurz vorm Kollaps. Endlich zeigte ihr Söhnchen Einsicht. Hüpfflatterte zurück zur Mutter und verschwand mit ihr im Dickicht. Unsere guten Wünsche begleiteten das Paar. Wir haben die beiden nie mehr gesehen. Doch für den Kater änderte sich alles. Er hatte den Durchbruch geschafft. Das Zeugnis seiner Befähigung – für jedermann war es sichtbar gewesen. Das hat sein Lebensgefühl gestärkt. Er, der ruhmreiche Triumphator! Umgeben von der Aura des Erfolgs. Auf dem Haupte ein innerer Lorbeerkranz. Er sitzt heute sehr oft im Garten. Begehrend blickt er hoch zu den Bäumen, in denen es zwitschert und piepst. So nah und doch so unerreichbar fern. Und er träumt zurück zu dem Tag, zu diesem ganz besonderen Tag. Zu dem Tag, als er aufgenommen ward in den Kreis der Eingeweihten. Zu dem Tag, als er seinen ersten und vermutlich auch einzigen Vogel fing.

Karin Tamcke                            

Karin Tamcke

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