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Kein Schloss mehr für den König

Tiergeschichten Kein Schloss mehr für den König

Was für ein Spektakel, welch ein Aufruhr im Garten! Zaunkönig versus Katzen. Ursache des Theaters war das Nest der Vögel. Sie hatten es am Zaun gebaut, was die Katzen sehr interessierte.

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Quelle: NABU

Doch sie hatten ja so recht! Sie, das war das Zaunkönigs-Paar. Und ihre Sparringspartner hießen Minze und Matjes. Es war ein ungleiches Kräftemessen. Zwei winzige, zarte Vögelchen gegen die beiden strammen Katzen. Zaunkönigs hätten die Tiger ermordet, wenn das möglich gewesen wäre, so wütend waren die Vögel. Was von der Gegenseite mit gleicher Hoffnung versehen war, wenn auch aus anderen Gründen. Ursache des verbalen Scharmützels war das Nest der Federnträger. Es steckte in einem alten Windlicht, einem blechernen Häuschen, mit einladendem Eingang und Türmchen auf dem Dach. Es sah aus wie ein kleines Schloss, ich hatte es einst am Zaun befestigt und es trug vor langer Zeit zur Beleuchtung des Gartens bei. Dann überzog es sich mit Rost und ließ sich vom Efeu überwachsen, bis ich es vergaß.

Obwohl es kaum noch zu sehen war, entdeckten es doch die Vögel. Sie schienen es vermutlich für die angemessene Wohnstatt zu halten. So waren sie eingezogen in ihr Königsschloss inmitten des dichten Efeus. Hoffnungsvoll und mit Elan gingen sie an die Renovierung und legten die Kinderstube an. Und alles wäre gutgegangen, hätte nicht nach geraumer Zeit der winzige Nachwuchs rumkrakeelt. Was menschliche Ohren nicht gleich vernehmen, sieht bei Katzen anders aus. Die waren alarmiert. Plötzlich erweckte der berankte Zaun ihr allerhöchstes Interesse. Sie schlugen ihr Lager davor auf, hypnotisierten mit Sehnsucht das Blattwerk und hätte ich nicht eingegriffen, wären den begehrlichen Blicken bald die entsprechenden Taten gefolgt.

Die Zaunkönigs-Eltern schimpften, sie schrien den ganzen Garten zusammen. Es ist schon erstaunlich, welch hohes Maß an Dezibel aus so winzigen Körpern dringen kann. Die Katzen zeigten sich unbeeindruckt und hockten weiter auf Position, in Abständen verlangend ein Schnattern ausstoßend beim Anblick der aufgebrachten Eltern. Jede Katze, die etwas auf sich hält, muss sich anstandshalber für Vögel interessieren. Die eine mehr, die andere weniger. Bei meinen ist das nicht anders. Das Überleben der piepsenden Brut lag nun in meiner Hand.

Also sprach ich zu den Katzen. Und traf auf taube Ohren. Natürlich. Was hatte ich mir auch vorgestellt? Und nun? Die Katzen ins Haus verbannen? Es waren die ersten schönen Tage in diesem verregneten Sommer. Sollte ich selbst im Garten sitzen und den Katzen die Frischluft entziehen? Das konnte ich ihnen nicht antun. Sie hätten das auch nicht hingenommen, Katzen haben so ihre Methoden, die Menschen abzustrafen. Doch wie wird man beiden Seiten gerecht? Ich begab mich in die Phase des Denkens. Mit akzeptablem Ergebnis. Schleppte an, was der Schuppen hergab: Reste vom Maschendraht, Bretter, eine ausgediente Schilfwand. Dann konstruierte ich einen Verschlag rund um die Zaunkönigs-Residenz. Das ganze Gebilde war jenseits von jeglichem Schönheitsanspruch und darüber hinaus von verwegener Instabilität. Doch das wussten die Katzen nicht. Zum Glück. Sie verfolgten irritiert meine Arbeit, betrachteten das Bollwerk mit Missmut.

Die kleinen Vögelchen interessierte mein Werkeln nicht, sie hatten nur die Katzen im Blick, verwendeten ihre ganze Kraft auf die weitere Beschimpfung. Aus dem Nest schielte der royale Nachwuchs und schimpfte ebenfalls. Aber nicht auf die Katzen, sondern auf die Eltern. Es war Essenszeit, der Service ließ zu wünschen übrig. Das Jungvolk war schon gut befiedert, es würde nicht mehr lange dauern, dann könnten alle das Nest verlassen. Ich hoffte auf windstilles Wetter. Alles, nur kein Sturm, mein Machwerk war zu fragil. Doch Petrus spielte mit und schickte nur ein laues Lüftchen. Die Katzen gaben sich noch ein Weilchen der immer mehr schwindenden Hoffnung hin, das Vogelnest zu kontaktieren. Dann simulierten sie Desinteresse. Ich bewachte sie trotzdem unausgesetzt, ich kenne meine Pappenheimer.

Noch vier Tagen dauerte es, dann fand ich das Nest verwaist vor. Die Kleinen waren ausgeflogen. Ich wünschte ihnen alles Gute und baute das Häuschen ab. Nicht noch einmal dieses Theater! Kein Schloss mehr für die Zaunkönige, sie würden sich für die nächste Brut eine andere Unterkunft suchen müssen. Vielleicht nicht standesgemäß, aber dafür hoffentlich katzensicher.

Karin Tamcke

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