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Kein böser Wolf

Tiergeschichten Kein böser Wolf

Wieso sollte ein Wolf böse sein? Nein, er ist viel besser als sein Ruf. Roderich lebt in einem Wildpark. Wenn er in der Dunkelheit seine Stimme erhebt, spüren die Besucher das Ursprüngliche in ihm und können seine Anziehungskraft nicht leugnen.

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Quelle: dpa

Er findet das alles ganz schön zum Heulen. Was kann er denn dafür, dass man ihm nicht traut? Was kann er für seinen schlechten Ruf? Zugegeben, manchmal schlägt seine Sippe etwas über die Stränge. Doch nicht jedes Vergehen wird von ihm begangen. Die Taten streunender Hunde möchte er nicht gerne angelastet bekommen. Doch er steht unter Generalverdacht. Selbst die abstrusesten Aktionen werden ihm untergeschoben. Denn welcher Wolf ist schon in der Lage, Rotkäppchens Großmutter zu fressen? Sie zu verschlucken mit Haut und Haar? Da kann er getrost seine Pfoten in reinster Unschuld waschen. Oder denkt man an den Kinderreim: Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Wieso sollte er böse sein? Nein, er ist viel besser als sein Ruf.

Er hatte sich lange versteckt gehalten, hauste in fernen Ländern und dort in tiefen Wäldern. Bis eines Tages ein paar seiner Artgenossen den Weg gen Westen einschlugen. Sie kehrten zurück in Gebiete, die vor langer Zeit ihre Heimat gewesen waren. Eines Tages machte sich auch sein Vater auf, um künftig neue Wege zu gehen. Er überwand die Landesgrenzen, was ihm allerdings in keiner Minute bewusst war, dann fand er unterwegs tatsächlich eine Gefährtin. Er konnte diesen Moment als reinen Glücksfall betrachten, so verstreut, wie sich seine Kollegen in den Wäldern bewegten. Nach schneller Sympathiebekundung zogen beide gemeinsam weiter. Ganz tief verborgen im Wald fanden sie ein neues Zuhause. Keiner störte sie hier und sie störten keinen. Es gab genug Beutetiere, die ihnen ein Auskommen sicherten. Dann wurde er geboren. Der Wolf Roderich. Heute möchte er seine eigene Geschichte erzählen.

Er war noch nicht sehr alt, lediglich einige Wochen, da passierte es ihm, und keiner kann den Hergang erklären, dass er sich alleine in der Umgebung wiederfand. Waren seine Eltern auf Beutefang unterwegs und er hatte sich aufgemacht, seinen Horizont zu erweitern, selbständig und ohne Schutz? Oder war den Elterntieren etwas zugestoßen? Er kann sich nicht mehr erinnern, lediglich daran, dass der Hunger kam und ihm keiner das Frühstück servierte, eine missliche Situation. So irrte er eine Weile verlassen durch das Gehölz. Er wusste nicht, wie viele Tage es waren, die er so verbrachte, die Zeit dehnte sich unangenehm und er wurde immer matter, dann kamen Menschen in die Gegend, es war ein reiner Zufall. Dabei stießen sie auf ihn. Er hatte eigentlich fliehen wollen, denn der Fluchtinstinkt war in ihm angelegt, schließlich gilt er als Wildtier und er wollte sich auch so verhalten. Doch er fühlte sich mittlerweile ganz beträchtlich geschwächt und so wurde sein Fluchtversuch nur ein müdes Abbild davon. Er konnte es nicht vermeiden, dass er gegriffen wurde und fand sich bald darauf im Kofferraum eines Autos wieder, auf der Fahrt zum nächsten Tierheim. Angekündigt hatte man ihn als jungen Schäferhund. Groß war allseits das Erstaunen, als er bei der Aushändigung seine wahre Identität preisgab.

Nach einer guten Erstversorgung mit Flüssigkeit und Nahrung nahm ihn ein Wildpark auf. Dort lebte schon eine Wölfin mit zwei adoptierten Waisenkindern, nun kam auch Roderich dazu. Etwas Besseres hätte ihm nicht geschehen können in seiner unguten Situation. Er bekam Zuwendung und Nahrung und sein neuer Lebensraum war seinem Bedürfnis nach Freiheit optimal angepasst. Ob des ganzen Glücks erhob Roderich zum ersten Mal seine Stimme. Sein Heulen klang optimistisch und dem Leben zugewandt. Er wuchs zu einem stattlichen Wolf heran und gewöhnte sich auch an die Menschen, zumindest in akzeptablem Maße. Sie schüchterten ihn bald nicht mehr ein, denn ein Zaun hält sie auf Abstand. Oft sitzt er still auf einem Baumstamm und um seine Lefzen scheint ein Lächeln zu spielen. Seine hellen Augen taxieren die Besucher, möglicherweise wundert er sich auch über das menschliche Rudel. Ab und zu lädt der Wildpark zu spannenden Wolfsnächten ein. Die Kinder basteln Wolfsmasken und nette Wolfsanhänger, es gibt ein Lagerfeuer und viele Informationen über den Isegrim. Doch der Höhepunkt kommt, wenn es dunkel wird. Wenn Roderich seine Stimme erhebt. Dann drängen sich die Leute vor dem trennenden Zaun. Roderich ahnt nichts von der Faszination, die er auf die Besucher ausübt. Die das Ursprüngliche in ihm spüren, sich seiner nicht sicher sind, seine Anziehungskraft jedoch nicht ganz leugnen können. Ohne es zu wissen, ist er zum Botschafter geworden, wirbt für die Akzeptanz seiner Rasse. Und wenn dann die Fütterung ansteht, können sogar die Kleinsten sehen, dass er keine Großmütter frisst.

Karin Tamcke

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