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Kreative Problemlösung

Kreative Problemlösung

Er heißt Bratzo. Bratzo vom Container. Sicher gibt es edlere Namen. Zum Beispiel Brian vom Zauberberg oder Wotan zur Schlossruine, so heißen die hochnäsigen Perserkater aus dem Nachbarhaus.

Doch Steffi fand, ein Hauch von Adel könnte auch Bratzo nicht schaden. Und sie wollte ehrlich bleiben bei der Titelvergabe. Bratzo selbst fühlte sich nicht beeindruckt. Für ihn sind Namen Schall und Rauch. Es sei denn, sie stehen in direkter Verbindung mit seinem Lieblingsfutter.

Man kann sagen, die Welt ist für ihn in Ordnung . Das war nicht immer so. Als winziges Katerchen hatte man ihn gewissenlos in besagtem Container entsorgt. Mit verletztem Beinchen lag er auf einem Berg von Müll. Doch ein aufmerksamer Schutzengel schickte nette Menschen, die sich nicht von ihm distanzierten, sondern das Fundstück in eine Tierarztpraxis brachten. Bratzo bekam einen schicken Verband, damit war sein Bein versorgt. Nicht aber das Katerchen selbst. Denn da fehlte noch ganz entschieden ein liebevolles Zuhause, damit bald positive Erlebnisse die negativen Erfahrungen überlagern konnten. Und da man so ein Zuhause nicht einfach herzaubern konnte, nahm Tierarzthelferin Steffi den kleinen Patienten mit zu sich, wo die vorhandenen Katzen nur die Augen verdrehten – „Schon wieder einer?“ – und sich dann, nach kurzem Beschnuppern, ihren eigenen Dingen zuwandten.

Steffi versorgte den Kleinen hingebungsvoll, bis aus dem Katzenbaby ein gesunder und strammer Jungkater wurde. Und sie sich von ihm, man ahnt es schon, nicht mehr trennen mochte. Bratzo war das ganz recht. Er fühlte sich glücklich angekommen und zeigte das auch körperlich. Er wuchs und wuchs und stoppte erst dann, als er stattlicher war als alle Katzen um ihn herum. Er, der Findling aus dem Container! Wie sein Äußeres nichts Zierliches mehr vorzuweisen hat, so ist auch Bratzos Wesen nicht von Zartheit geprägt. Man kann nie sicher sein vor seinen blitzschnellen Reaktionen. Doch Steffi liebt gerade das Wilde in ihm, auch wenn es ihr machen Kratzer seiner ausgefahrenen Krallen beschert. Dabei hat Bratzo auch sehr sanfte Momente, kann sich auf Steffis Schoß zu einer schnurrenden Kugel einkuscheln, um ihr dann urplötzlich, zum Austesten seiner Kräfte, mit der Tatze über den Handrücken zu schrammen. Bratzo fühlt sich selbstbewusst und allen überlegen.

Leider verträgt sich das wenig mit einer speziellen Gegebenheit: Der Kater besitzt Krallen, die aufgrund einer Anomalie einer regelmäßigen Kürzung bedürfen, um ihn nicht schmerzhaft zu behindern. Nun ist so ein Kürzen in Sekundenschnelle getan – wenn der Besitzer der Krallen damit einverstanden ist. Doch das ist Bratzo selbstredend nicht. Es brauchte mindestens drei Personen, die den sich sträubenden und fauchenden Kater mit Nacken- und anderen Griffen kurzzeitig fixieren mussten. Und da die Krallen ständig wachsen, war das Problem stets in Neuauflage gegeben. Selbst eine Fahrt zum Tierarzt war weniger von Stress belastet als diese leidige Prozedur. Denn auf dem Behandlungstisch verwandelte sich der sonst so wilde Bratzo in einen kleinlauten Feigling. Stocksteif stand er da und ließ ergeben alles mit sich geschehen.

Beim jüngsten Impftermin kam Steffi auf die Idee, die bängliche Situation zu nutzen und beim erstarrten Bratzo die Fußpflege zu versuchen. Und das Erstaunliche geschah, Bratzo widersetzte sich nicht, er registrierte es nicht einmal. Und wenn doch, so gab er es jedenfalls nicht zu. Von da an wurde Bratzo allein zwecks Pediküre in die Praxis gefahren, was reichlich umständlich war und in keinem Verhältnis stand zum minimalen Aufwand. Bis Steffi eines Tages ein ausgefallener Gedanke kam. Eine kreative Lösung anstrebend, steckte sie den Kater in seine gewohnte Transportbox und betrat mit ihm das Treppenhaus. Doch sie wandte sich nicht treppab zum Ausgang, sondern stieg hinauf bis zum Dachgeschoss. Dort oben auf dem Speicher, zwischen Kisten und Kartons, erfuhr Steffis Hoffnung die gewünschte Erfüllung. Sie entnahm der Box einen schüchternen Kater, der nichts Großmäuliges mehr zeigte. Der, sich wohl in der Tierarztpraxis wähnend, ohne Murren und Gefauche mit sich geschehen ließ, was geschehen musste. Der sich so kooperativ verhielt, wie man es sich nur wünschen konnte.

Seitdem statten Steffi und der ausgetrickste Bratzo regelmäßig dem Dachboden ihre Besuche ab. Und nie wird Steffi erwägen, den gedanklich fehlgeleiteten Bratzo über seinen Irrtum aufzuklären.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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