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Was hatte es sich nur bei dieser Aktion gedacht? Wo blieb da ein artgerechtes Verhalten? Wo die gebotene Vorsicht in der Nähe menschlicher Behausung? Und vor allem: Wo blieb sein gutes Benehmen? Es hatte all das vermissen lassen.

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Quelle: Volkmar Heinz

Doch war das bei ihm erstaunlich? Wenn man es so betrachtet, bekommt man ein falsches Bild. Das samtweiche rostbraune Fell, der knopfäugige Blick, die Pinsel an den Ohrenspitzen und der buschige Schwanz sind nur die harmlose äußere Hülle mit hohem Niedlichkeitsfaktor, umgeben aber in Wahrheit die Seele eines kleinen Ganoven. Oh ja, das Eichhörnchen profitiert von seiner herzigen Optik, hat es aber faustdick hinter seinen Pinselohren. Schweigen wir von seinen Methoden der rüden Nahrungsbeschaffung. Fragen wir lieber nicht die Vögel, denen in ihren Nestern plötzlich die Eier fehlen. Befragen wir auch nicht die Gartenbesitzer zur Ernte ihrer Haselnüsse. Der Nutznießer ist stets das Hörnchen, noch bevor die Nüsse reifen. Es ist schon ein richtiger Schlingel! Doch meistens kann es das gut verstecken. Zeigt lieber die putzige Seite, das goldige Gehabe. Und man hatte sie ihm abgenommen, diese Harmlosigkeit. Bis es den Bogen überspannte.

Es war ein schöner Tag gewesen, als es aus der Rolle fiel. Das Hörnchen hatte wie so oft in aller Herrgottsfrühe die Haselsträucher kontrolliert. Doch noch war der Herbst sehr fern, es gab noch nichts zu klauen. Stattdessen bogen sich an den hohen Fichten die Zweige unter der Schwere der Zapfen. Die Samen hatten exakt den richtigen Reifegrad für ein kräftigendes Frühstück. Eine Katze streunte durch die Gegend und warf verlangende Blicke auf den rotbraunen Turner in der Spitze des Nadelbaumes. Das Hörnchen schickte ein paar Eichhörnchen-Flüche hinunter auf den Mäusetiger, ließ sich ansonsten nicht stören, es wusste sich in Sicherheit in dieser schwindelnden Höhe, die sollte die Katze erst einmal erreichen. Es schälte sich weiter die Samen heraus und warf die abgenagten Zapfen lässig in die Tiefe und der Katze fast auf den Kopf. Aus dem Hörnchen drangen Laute, die wie ein Kichern klangen, der Tag begann in der Tat sehr gut. Dann lief es hierhin und auch einmal dorthin, ging Eichhörnchen-Geschäften nach, von denen wir nicht viel wissen.

Am späten Nachmittag bahnte sich dann das peinliche Desaster an. Aufgrund der sommerlichen Temperaturen stand ein Fenster offen. Nicht weit, aber gerade so, dass ein kleines Hörnchen ohne Schwierigkeiten den zierlichen Körper hindurch und ins Innere bringen konnte. Was dann genau geschah, behält das Eichhörnchen lieber für sich. Doch der Ablauf des Geschehens lässt sich unschwer rekonstruieren. Der Tatort sprach eine deutliche Sprache. Das Eichhörnchen war nämlich, ohne es vermutlich zu wissen, in eine Kneipe eingedrungen. Während der Mittagsruhe. Kein Mensch befand sich im Raum, das Hörnchen hatte freie Bahn. Es schaute sich erst einmal um, hüpfte über die Tische und prüfte die Blumen, die in kleinen Vasen dem Tischtuch die Strenge nahmen, warf dabei versehentlich auch eine Vase um, was es nicht sonderlich berührte. Ein Eichhörnchen setzt andere Prioritäten, was Ordnung und Sauberkeit betreffen. Neben der Blumenvase kippten bald ein paar Gläser vom Bord und wandelten sich in Scherben, den Gläsern schloss sich eine Flasche an, die durch mechanische Einwirkung ihren Platz auf dem Regal verließ und den roten Inhalt großzügig auf dem Boden verteilte. Offensichtlich fand das Hörnchen Gefallen an dem Rotwein und so blieb es nicht bei nur einer Probe. Daraufhin nahm seine Grobmotorik im Umgang mit dem Interieur in erschreckendem Maße zu. Auch wenn es noch so klein war, es konnte doch einiges bewirken. Noch mehr Gläser zerbrachen, der federleichte Eichhörnchen-Gang verlor seine Eleganz und gewann an deutlicher Schwere. Es patschte durch die Rotweinpfütze und verteilte den Wein auch an den Wänden zu einem abstrakten Muster.

Als am Nachmittag der Kneipenwirt arglos den Raum betrat, traute er seinen Augen nicht. Es bot sich ihm ein recht erschreckendes Bild der Verwüstung. Durch die vielen Scherben, die einst Gläser waren, schlingerte ein Eichhörnchen im seligen Zustand der Trunkenheit. Mutig geworden durch etliche Promille, versuchte es nicht einmal zu fliehen, sondern delektierte sich vor den Augen des Wirtes an Salzstangen und Kartoffelchips und ließ sich willig fangen. Wieder in freier Wildbahn, schlief es dann vermutlich irgendwo seinen Rotweinrausch aus und überließ es dem fassungslosen Wirt, das Chaos zu beseitigen. Seither hat es Lokalverbot, da hilft kein Unschuldsblick mehr, auch wenn er aus schwarzen Knopfaugen kommt.

Karin Tamcke

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