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Luftveränderung

Tiergeschichten Luftveränderung

In meinem Flur roch es seltsam. Es roch sehr streng, und das ist milde ausgedrückt. Vor einigen Wochen fiel es mir auf. Doch woher kam der Geruch? Eine Maus, das war mein erster Gedanke.

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Quelle: dpa

Auf der Suche nach der Quelle des olfaktorischen Überfalls schnupperte ich mich durch den Raum, fand endlich eine Spur, die mich zur Treppe leitete, mich die Stufen nach oben schickte und ihren Höhepunkt an einem schmalen Zwischenraum von letzter Stufe und Holzdielenboden des Obergeschosses fand. Aus diesem Spalt dünstete es mir so eindeutig ungut entgegen, dass hier die Ursache liegen musste. Eine Maus, das war mein erster Gedanke. Keine lebende, sondern eine verstorbene Maus. So ein kleines Nagetier kann sich leider nur auf eine Lebensspanne berufen, die recht kurz bemessen ist. Dann scheidet die Maus dahin, ob sie will oder nicht. In der freien Wildbahn wird es dann jemanden geben, der für den unauffälligen Abtransport des toten Mäusekörpers sorgt. Nicht so unter meinen Dielen. Dort geht die Natur ihren einsamen Weg, und der wird nicht gerade von Wohlgerüchen begleitet, sondern von einem verstörenden Aroma, das man einem so kleinen Körper keinesfalls zutrauen würde. Der Maus kann man daraus keinen Vorwurf machen, sie ist daran nur noch passiv beteiligt.

Ich kenne diesen Ablauf aus langjähriger Erfahrung. Die lehrte mich auch, dass man zwei Wochen ansetzen kann, wenn sich die ersten Zeichen zaghaft offenbaren, eine erstaunliche Steigerung erfahren, dann ebbt das Ganze allmählich ab, der sterbliche Überrest der Maus beschreitet den Weg zur Mumifizierung und erlangt damit endlich geruchliche Neutralität. Danach ist alles überstanden. So ging ich selbstverständlich auch in meinem Flur von diesem Verlauf der Geschichte aus. Doch die Sache zog sich hin. Es verging die erste Woche, danach die zweite, ohne dass sich merklich eine Änderung ergab. Nun bevölkerte auch schon früher eine lebensfrohe Mäusefamilie den Dachboden meines Hauses. Sie verrieten sich gelegentlich durch ein Knispern und Nagen. In dem alten Gebälk fanden sie einen trockenen und geschützten Lebensraum. Hin und wieder verschied dann eine, es kam zum zweiwöchigen Härtefall, danach war für lange Zeit Ruhe.

Doch die jetzige Situation gestaltete sich ganz anders. Die zwei Wochen waren längst vorüber. Und immer wenn ich glaubte, nun müsse es langsam gut sein, kam die nächste Brise, und die war keineswegs frisch zu nennen. Was war da nur los? Hatten alle Mäuse beschlossen, fein säuberlich nacheinander Suizid zu begehen? Standen dafür schon in Reihe an? Denn die Geruchsbelästigung wollte kein Ende finden. Nachschauen konnte ich nicht, ohne den Dielenboden des Obergeschosses abzutragen. Ich brauchte dringend eine Luftveränderung. So hoffte ich von Woche zu Woche, versuchte, den Geruch einfach auszublenden. In gewisser Weise gelang mir das sogar, denn der Mensch gewöhnt sich an alles und meine Riechsensoren kollabierten nicht mehr sofort, wenn ich den Flur betrat. Erwartete ich Besuch, versprühte ich vorsichtshalber ein stark wirkendes Raumspray. Und immer noch suchte ich nach der Ursache des Problems. Meine Katzen konnte ich in diesem Fall nicht belangen, sie ausnahmsweise sogar sicher in Unschuld wissen. Sie tragen zwar reichlich Mäuse ein, die sie dann bedenkenlos in allen Räumen verteilen, doch würden sie es nicht so weit treiben, wochenlang ihre tote Beute die Treppe hochzutragen und dann unter die Dielen zu schieben.

Das war der Stand der Dinge, als mir endlich die langersehnte Erleuchtung kam, und das ausgerechnet in der Nacht. Ich war wach geworden, verließ das Bett, schaute zufällig aus dem Fenster. Da fiel mir eine verdächtige Bewegung in der Dachrinne auf. Auch die Katzen spitzten aufmerkend ihre Ohren. Sie hatten schon früher ab und an aufmerkend die Ohren gespitzt, doch konnte diese Aufmerksamkeit von mir nicht eingeordnet werden. Dabei wussten sie schon längst alles. Nun aber sah auch ich, wie sich ein Schatten durch die Dachrinne schlängelte und unter der Wölbung der nächsten Dachpfanne verschwand. Es war eindeutig ein Marder. Und jetzt, mit der Morgendämmerung, dämmerte es auch mir. Unter meinem Dach hatte der kleine Schlingel seine Speisekammer angelegt. Offensichtlich kam er nur gelegentlich vorbei, hielt unterm Dach sein Nachtmahl und ließ die Reste gedankenlos liegen. Da sich niemand wünschen kann, dass sein Haus nach Marderspeisekammer riecht, ließ ich im Dach alle Lücken verputzen, um damit dem Marder den Haustürschlüssel zu entziehen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Ich kann sorglos aufatmen, wenn ich meinen Flur betrete.

Karin Tamcke

 

 

 

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