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Mein lieber Schwan!

Mein lieber Schwan!

Weder seine Eleganz noch sein arrogantes Gehabe. Er hat sich schwer blamiert. Und sehr viel Glück gehabt. Schlimm hätte alles enden können. An dieses Abenteuer wird er sein Leben lang denken.

Quelle: Arno Burgi

Nichts hat ihm geholfen. Mein lieber Schwan! Woran hatte es gelegen? Falsch navigiert? Die Kräfte überschätzt? Einfach nicht aufgepasst? Ein Ausweichen war unmöglich, alles ging viel zu schnell. Und schon krachte es. Dann auch noch ein STOP-Schild! Das hatte ihn in der Tat gebremst. Ungewollt und nachhaltig. Nun trottet er durch den Park. Noch ein bisschen verwirrt. Wird man über ihn lachen? Mit Fingern auf ihn zeigen? Fragen, die sich ihm kaum stellen. Schließlich ist er ein Schwan. Doch ist das eigene Bild von seiner Kompetenz ziemlich ramponiert. Alles muss er erst verdauen. Den Schock nach der missglückten Landung, den entwürdigenden Rücktransport.

In Schwanengedanken versunken starrt er auf das Wasser. Auf seinen angestammten Teich. Enten schwimmen dort. Blässhühner, ein paar verstreute Gänse. Dazwischen seine Artgenossen. In königlicher Haltung. Selbstverständlich. So war auch er geschwommen, hatte von oben herab auf das Kleingeflügel geschaut. Blasiert den langen Hals geschwungen, die Flügel aufgestellt. Er, ein Sinnbild von Anmut. Ließ Wagner den Kahn mit Lohengrin etwa von Enten ziehen? Auch Reinheit wird ihm zugeschrieben. Dichter machten sich in Worten über seine Schönheit her. Mit diesem Ruf verträgt sich nicht, was ihm da passierte. Dabei ging es ihm doch gut. Was hatte ihn bewogen, den heimischen Park zu verlassen? Hier kennt er jeden Winkel, jeden Baum und jeden Strauch. Und auch jedes Schild. Wohlgemerkt. Er weiß, von wo aus die Besucher gerne das Wassergeflügel betrachten und aus vielversprechenden Tüten Brot und andere Reste zaubern und in kleinen Bröckchen in die schnatternde Menge werfen. Nicht dass er sich jemals persönlich in das Getümmel stürzen würde, das hat er gar nicht nötig. Die Menschen werfen die guten Sachen gezielt vor seine Füße. Er braucht sie nur huldvoll aufzuheben, was er selbstverständlich tut. Alles andere wäre Dummheit, Eleganz hin oder her. Ansonsten gründelt er im Wasser, gewissenhaft und lange. Hier, im tiefen Nass, kommt sein Wesen zum Tragen, erblühen seine ganze Schönheit und seine Attraktivität. An Land offenbart sich in seinem Gang eine ärgerliche Schwerfälligkeit aufgrund der kurzen Beine. Gekonnt überspielt er das Manko durch den vorrangigen Aufenthalt im Wasser.

Dann war sie über ihn gekommen, diese Schnapsidee. Mit einem mächtigen Rauschen seiner gewaltigen Schwingen erhob er sich in die Luft, zog eine Schleife über den Park, bog dann ab in Richtung Innenstadt. Alles wäre gut gewesen, hätte ihn nicht der Gedanke an eine Landung übermannt. Ein irrwitziger Gedanke. Doch er gab dem Wunsche nach. Nichts Böses schwante ihm. Dann geschah es. Keine Grazie bei der Landung, keine Souveränität. Stattdessen dieser laute Knall. Er war gegen das Schild geflogen. Die zweifach begründete Erschütterung, bedingt durch das Entsetzen über sein eigenes Unvermögen und den beträchtlichen Schock des Aufpralls, warf ihn seelisch aus dem Lot. Er hockte auf der Fahrbahn und legte den Berufsverkehr lahm. Ein Bruchpilot, bar aller Anmut und Würde. Lächerlich. Comic-reif. Er verharrte in stummem Schweigen, blieb einfach auf der Straße sitzen, fühlte sich seltsam benebelt. Jede Erleuchtung zum Handeln war ihm abhanden gekommen. Die Polizei war bald zur Stelle und sperrte seinen Rastplatz ab. Schließlich kam die Feuerwehr mit einem speziellen Transportbehälter. Er ließ sich ohne Gegenwehr in die Kiste stecken. Er, der stolze Schwan.

Dann fuhr man ihn zurück zum Park. Er war unverletzt geblieben. Nur sein Selbstbewusstsein hatte schwer gelitten. Nun steht er sinnend am Ufer. Kleinlaut. Mit zerzaustem Gemüt. Vorsichtig schielt er um sich. Keiner nimmt Notiz von ihm. Er schüttelt das Gefieder, watschelt ein paar Schritte, lässt sich ins Wasser gleiten. Alles scheint unverändert. Da biegt er seinen langen Hals zur schwanentypischen S-Form, blickt auf die anderen Teichbewohner, hochnäsig und arrogant. Mit überheblichem Getue schwimmt er übers Wasser. Er kann es einfach nicht lassen...

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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