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Mit Speck fängt man Mäuse

Mit Speck fängt man Mäuse

Es begann mit einer Kartoffel. Sie lag neben ihren Kartoffelgeschwistern und sah eigentlich ganz alltäglich aus. Ich griff nach ihr – und es machte pffft.

. Die Kartoffel schien eine Attrappe zu sein. Außen kartoffelig rund und gelb, innen komplett hohl. Seltsame Züchtung, dachte ich und warf die leere Schale weg. Am nächsten Tag das gleiche Phänomen. Wieder war eine Kartoffel ohne Innenleben, aber streng genommen auch ohne Schale. Sie war nur noch in Fragmenten vorhanden. Was war los in meiner Vorratskammer? Wer hatte es abgesehen auf die unschuldigen Nachtschattengewächse? In mir wuchs eine Ahnung heran, die sich bald bestätigte, als ich im Regal kleine schwarze Kegelchen fand. Die Überreste meiner Kartoffeln nach ihrer Reise durch eine Maus.

Wie Kartoffeln und Maus zusammenkommen konnten, wurde mir ziemlich schnell klar. Der unbeteiligte Blick meines Kater war Erklärung genug. Sie war bestimmt von ihm begnadigt und freigelassen worden. Und nun hatte ich sie da, wo man im Leben keine Maus haben möchte. In der Vorratskammer. Ich bin zwar ein großer Tierfreund, aber bitte alle Viecher an ihrem angemessenen Platz. Dieser hier war definitiv der falsche. Und für die Maus war er auch nicht okay, psychologisch gesehen. Ihr fehlte das soziale Umfeld für ein glückliches Nagerleben. Kartoffeln waren kein Ersatz für einen liebenden Mäusepartner.

In den folgenden Tagen fand ich überall ihre Spuren. In Form von angebissenen Äpfeln, Mehltüten, Schokoladentafeln. So ging das wirklich nicht weiter.

Nur – wo steckte sie? Und wie bekam ich sie dazu, das Schlaraffenland so schnell wie möglich zu verlassen? Die üblichen Mausefallen, wo die Nager hinterher platt sind wie Briefmarken mit Fell, waren indiskutabel. Auch schieden die Katzen als Helfer aus. Ich wollte der Maus ja nicht schaden.

Und dann sah ich das Mäuslein. Es saß in der Ecke eines Regals und schaute mich freundlich an. Ich witterte meine Chance, griff den nächststehenden Eimer und brachte ihn vor Regal und Maus in Position, beflügelt von der Hoffnung, die Maus in den Eimer springen zu sehen, um sie dann bequem in die Freiheit zu tragen. Die Maus hatte andere Pläne. Blitzschnell und als hätte sie Flügel bekommen, setzte sie in weitem Sprung aus dem Regal über den hilfreich hingehaltenen Eimer und verschwand zwischen Obstkisten und Kartons.

Danach begegneten wir uns ständig. Sie knispelte und raschelte in den Kisten, flitzte aus allen Raumecken, saß auf den Regalen, blinzelte mir fröhlich zu und hinterließ ein kleines Chaos aus zerfetztem Papier, rieselnden Tüten und unbrauchbar gewordenen Lebensmitteln.

So vertraut wir miteinander wurden, es war dringend Zeit für den Abschied.

Heißt es nicht: Mit Speck fängt man Mäuse? Ich kaufte eine Lebendfalle, ein igluartiges Drahtgebilde, und hoffte, den Geschmack der Maus damit zu treffen. Ich bestückte die Falle mit Speckscheibchen und positionierte sie an einem strategisch günstigen Platz. Die Maus fraß sich weiter durch meine Vorräte, der Iglu blieb deprimierend leer. Ich wechselte täglich den vertrockneten Speck und gab als Nachtisch noch ein bisschen Salami dazu. Nichts. Warum sollte sie sich auch die Mühe machen, in den Drahtverhau zu kriechen, wenn überall und gut erreichbar der Zustand der Völle herrschte?

Ich begann, alles Fressbare aus dem Raum zu räumen. Es war ein ziemlicher Aufwand. Schließlich ist ein Vorratsraum dazu berufen, reichlich Vorräte anzusammeln.

Die Maus blieb zwei Tage auf Nulldiät, dann sah ich den angebissenen Speck. Und er lag neben der Falle! Wie hatte sie das geschafft, ohne selbst in die Falle zu gehen? Durch Hypnose? Hexerei? Eine parapsychologisch begabte Maus? Ich merkte, es würde nicht einfach werden.

Nun klaute sie täglich die Falle leer. Es blieb mir ein ewiges Rätsel. Und dann saß sie doch mal drin, als ich gar nicht mehr daran glaubte. Endlich! Schnell griff ich Falle und Mäuseinhalt und trug beides in den Garten. Ich öffnete das Türchen und sah dem Mäuslein nach, das blitzschnell im Gebüsch verschwand, begleitet von meinen besten Wünschen für sein weiteres Wohlergehen. Mach’s gut, kleine Maus. Und lass dich bloß nicht wieder fangen. Denn dann war die ganze Aktion für die Katz. Karin Tamcke

 

 

Karin Tamcke

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