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Mit schwerem Gerät

Tiergeschichten Mit schwerem Gerät

Die herbstliche Sonne hatte den Übermut des Rehbocks gestärkt, denn er beschloss, seinen Lieblingsgarten aufzusuchen. Dort boten ihm Büsche und Pflanzkübel schon oftmals eine köstliche Bereicherung seines Speiseplanes. Mutig wagte er sich bis zur Terrasse vor und knabberte prüfend an den Pflänzchen. Doch als die Besitzer ihn entdeckten, gab es plötzlich kein Zurück mehr.  

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Quelle: www.dnn.de

Der Tag hatte so wunderschön begonnen. Nach dem Sturm und Regen der vergangenen Woche schien nun wieder die Sonne. Sie ließ die herbstlich gefärbten Blätter an den kahler werdenden Bäumen in einer wahren Farb-Explosion noch bunter und leuchtender erstrahlen und setzte sie so in einen netten Kontrast zu dem nur leicht bewölkten blauen Himmel. Auch er nahm die Wärme des Tages auf, die letzte Sorglosigkeit des Jahres, bevor der kalte Winter kam, der für einen Rehbock nicht immer leicht zu durchstehen ist. Sein rötlichbraunes Fell reflektierte die Sonnenstrahlen mit einem schönen Glanz, sein Geweih trug sich heute besonders leicht – es hätte sein Tag werden können. Hatte die frohe Stimmung seinen Übermut gestärkt, so dass er sich nun ungehemmt in freier Bahn zu entfalten wünschte? Er beschloss in beschwingter Laune, den Garten aufzusuchen. Seinen Lieblingsgarten. Ringsumher nur die Bäume des Waldes, das wollte ihm heute nicht genügen. Nicht an diesem so schönen Tag.

Er hatte diesen Garten mehr durch Zufall gefunden. Bei einem Ausflug über die Felder war er auf die Siedlung gestoßen. Das letzte Haus an der Straße hatte es ihm angetan, wobei man sagen muss, dass ihn das Haus als solches nicht interessieren mochte, wohl aber dieser Garten. Er war recht großzügig angelegt, gab auf urwüchsige Weise vielen Pflanzen Raum. Rosen rankten sich an Gerüsten empor, bunte Blumen aller Art setzten farbige Akzente und ein nicht allzu gepflegter Rasen gab dem Ganzen einen angenehmen Hauch von Wildnis. Ein paar Büsche boten ihm den gewünschten Sichtschutz, so dass er lange Zeit in der Deckung verharren und das Haus observieren konnte. Doch als er nichts Verdächtiges sah, wagte er sich hervor, überquerte die Rasenfläche und stand dann verlangend vor dem Beet mit den schönen Rosen, die nicht nur ihren Duft verströmten, sondern auch an den dornigen Stielen viele Knospen vorrätig hielten. Er konnte nicht umhin, diese Knospen zu probieren, er fand sie sehr delikat, so unvergleichlich zart und würzig. Wie hätte er widerstehen können? Und er tat es auch nicht. Er fraß, bis nichts mehr übrig war.

Sein erster Zufallsbesuch wurde bald wiederholt und entwickelte sich nun zu einer lieben Gewohnheit. Den Bewohnern des Hauses blieb der Mundraub nicht verborgen. Nach der ersten Verwunderung über das Schwächeln der Rosen entdeckten sie den Grund. Doch da sie Tierfreunde waren, vermerkten sie nur seufzend den Schwund der vielen Knospen. Sie erfreuten sich an dem Rehbock, an seinem netten Anblick, dem grazilen Körperbau. Und schließlich hat nicht jeder ein Reh im eigenen Garten. Dem Rehbock konnte diese Haltung verständlicherweise nur recht sein. Bald dehnte er seine Geschmacksrichtung auch auf die anderen Pflanzen in den Beeten aus. Die Erweiterung dieser Neigung erwies sich als sehr praktisch, denn die Rosenknospen hatten sich bis zum Herbst nicht nur durch seinen Verbiss reduziert, sondern auch die Rosenbüsche boten zu dieser Jahreszeit keine Erneuerung mehr an. Und bald hatten auch die übrigen Pflanzen die Blühphase abgeschlossen. Doch dann gab es einen Lichtblick für seinen reduzierten Speiseplan. Die Pflanzkübel rund um das Terrassengeländer hatte man frisch bestückt. Zarte Stiefmütterchen sollten dem Winter trotzen, um im Frühjahr in neuer Blüte aufzuleben. Nach genauer Prüfung der Gefahrenlage wagte er sich mutig bis zur Terrasse vor. Er fädelte sein Geweih gekonnt durch die Stäbe des Gitters und knabberte prüfend an den Pflänzchen. Seine Meinungsbildung ergab: Kein Vergleich zu den Rosen, aber durchaus akzeptabel.

Plötzlich musste er bemerken, dass sich etwas im Hause regte, hinter der Terrassentür erschien ein menschliches Gesicht. Das war für ihn das Signal, schleunigst zu verschwinden. Doch was ihm sein Wille eingab, wollte sich durch seinen Körper einfach nicht umsetzen lassen. Das Gitter der Terrassenumzäunung hielt ihn mittig gefangen. Er klemmte fest zwischen Brustkorb und Hüfte. Erschrocken versuchte er, sich in der Taille zu verschlanken, er warf die Beine vor und zurück, forkelte mit dem Geweih, doch kein Erfolg war ihm beschieden. Nachdem er eine Weile verzweifelt und nutzlos gestrampelt hatte, kam endlich seine Rettung in Form beherzter Feuerwehrmänner. Es war ein peinlicher Akt, der ihm nun widerfuhr: Mit schwerem Gerät musste man ihn aus dem Gitter schneiden, es gab keine andere Möglichkeit. Dann war er endlich frei und machte, dass er in fliegender Eile zurück in seinen Wald kam. Am Himmel lachte noch immer die Sonne, doch nun schien sie ihn auszulachen.

Karin Tamcke

 

 

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