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Mord im Kleiderschrank

Tiergeschichten Mord im Kleiderschrank

Wer hatte ihn auf dem Gewissen? Wo steckten die kaltblütigen Mörder? Mein bester Wollpullover bestand nur noch aus Löchern. Dann sah ich ein kleines lichtscheues Etwas - eine Motte.

Sie war mit Sicherheit dabei, neue kleine Fressmaschinen in die Welt zu setzen. Ich durfte die Sache nicht auf die kalte Schulter nehmen.

Alles spann sich im Dunkeln ab. Heimtückisch. Grausam. Gnadenlos. Schon lange hatten die Täter ihr Opfer im Visier gehabt. Sie kamen unbemerkt, eine Spezialität von ihnen. Ließen sich heimlich einschmuggeln. Versteckt in albernen kleinen Eiern. Warteten auf den günstigen Zeitpunkt, krochen dann hervor. Nun war er vorgezeichnet, der mitleidlose Weg. Sie kannten nur das eine Ziel: Vernichtung!

Bereits im jüngsten Alter formte sich ihr Täterwesen, bekam die unbarmherzige Härte, diese Skrupellosigkeit. Sie ließen dem Opfer keine Chance. Es war nicht beweglich genug, um ihnen zu entkommen, sie waren ganz klar im Vorteil, obwohl auch sie nicht die Schnellsten sind. Und so machte sich die Bande mit Wonne über den Armen her. Er allein gegen eine ganze Hundertschaft, wie hätte er sich wehren können? Seine Chancen waren gleich null. Die Angriffe erfolgten schleichend, unter dem Deckmäntelchen der Unschuld, waren anfangs nur leicht zu spüren, dann intensivierten sich die Attacken, wurden am Ende exzessiv. Bis zu seinem endgültigen Tod. In diesem Zustand fand ich ihn. In meinem Kleiderschrank. Dahingeschieden. Durchlöchert wie ein Sieb.

Dieses grauenvolle Schicksal, war es meine eigene Schuld? Hatte es eine Warnung gegeben? Hätte ich mich kümmern müssen, ihm zu Hilfe eilen, ihn schützen vor dieser gnadenlosen, kriminellen Gang? Ich hatte sie einfach nicht wahrgenommen, die lautlosen Schreie um Beistand. Hatte nicht hingeschaut, wie das oft so ist. Die ersten kleinen Verletzungen, sie wären heilbar gewesen, hätte ich rechtzeitig eingegriffen. Doch nun war alles zu spät. Ich trauerte tief um ihn. Um meinen Lieblingspullover. Nichts war mehr zu retten, er bestand nur noch aus Löchern. Mein bester Wollpullover!  Ein teures Markenprodukt, sie wussten genau, was gut ist.

Wer hatte ihn auf dem Gewissen? Wo steckten die kaltblütigen Mörder? Hinterließen sie aussagekräftige Spuren? Dann sah ich ein kleines lichtscheues Etwas. Es verhielt sich höchst verdächtig, versuchte zu fliehen, sich zu verstecken. Ich ging zur Verfolgung über, stöberte es auf, ergriff es mit großer Vorsicht. Eine Motte! Sie sah so zierlich aus, so feingliedrig und zart. Silberner Körper, silbrige Flügel, brav auf dem Rücken gefaltet. Bei Berührung schien sie zu zerfallen. In feinen Silberstaub.

Und in diesem ätherischen Gebilde sollte sich mein Pullover befinden? Es war kaum zu glauben, dass in diesem fragilen Wesen so ein Vernichtungswille steckte. Die Motte beteuerte ihre Unschuld. Kein Wunder, sie fraß nichts mehr, war ja nun auch satt und die Zeit als Pullover-Killer hatte sie hinter sich, das Madenstadium abgeschlossen. Doch sollte man nicht meinen, dass sie sich nun abkehren würde von jeglichem schändlichen Treiben. Was hatte sie wohl in meinem Schrank zwischen den Pullovern zu suchen? Sie war mit Sicherheit dabei, neue kleine Fressmaschinen in die Welt zu setzen. Eine weitere Hundertschaft von Eiern, aus denen dann Maden krochen, die sich die Wollteile einverleibten. Was ich mit meinen Interessen nicht in Einklang bringen mochte.

Auch war diese Motte, wie man sich denken kann, bestimmt kein Einzelkind, es war davon auszugehen, dass auch ihre Geschwister noch in den Tiefen des Schrankes hausten, bereit für das Werk der Vermehrung, was die zu erwartende Anzahl an hungrigen Mottenmaden in unvorstellbare Höhen trieb.

Was macht man gegen Motten? Was konnte ich tun, um meine restliche Garderobe vor ihnen sicher zu schützen? Sie würden nicht mit sich spaßen lassen. Das musste bereits im Altertum ein assyrischer Kaufmann erfahren. Als er nach einer Gefängnisstrafe wieder entlassen wurde, tat er den entsetzten Ausruf, den man gemeinhin Frauen zuschreibt: Ich habe nichts anzuziehen! Die Motten hatten inzwischen seine 200 Gewänder aufgefressen. Daher sollte ich die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Ich träumte von einer Zukunft im mottenfreien Haus und mir fiel ein: Lavendel! Ich liebe dieses Kraut. Aber nicht die Motten. Angeblich soll er sie vertreiben, der würzige Duft der blauen Blüten trifft nicht ihren Geschmack. Ich mähte mein Gartenbeet kahl (Sorry, lieber Lavendel!), füllte alles in Tütchen und verteilte sie im Schrank. Ich höre schon die Motten niesen. Das habt ihr nun davon, jetzt bin ich die Mitleidlose.

Karin Tamcke

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