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Mülltrennung

Mülltrennung

Manchmal kommt es vor, dass sich zusammenfindet, was ganz und gar nicht zusammengehört. Ein Müllcontainer könnte erwarten, dass man seinen leeren Bauch mit allerlei Abfall füllt.

Das wäre der richtige Vorgang. Doch das, was nun in ihm steckte, war die krasse Zumutung. Und da ein Container zu keinerlei Handlung fähig ist, musste er warten, bis jemand kam, um sich des Missstandes anzunehmen.

Dieser Jemand war bereits unterwegs. Er erschien in Form von Frau L. Und die wunderte sich nicht wenig. Eigentlich sollte eine so profane Verrichtung wie das Müllentsorgen mit wenig Überraschung verbunden sein. Doch als Frau L. an diesem Nachmittag vor dem großen Container stand, hörte sie leise Geräusche. Sie vernahm ein Schaben und Kratzen. Die Laute drangen unzweifelhaft aus der Tiefe des Behälters. Da sie eine resolute Frau war, öffnete sie beherzt den Deckel. Und sah sich Auge in Auge mit zwei Waschbärenkindern. Der Hergang war schnell zusammengereimt. In Aussicht auf eine schöne Mahlzeit hatten die unerfahrenen Bärchen den Deckel angehoben, was für Waschbären mit ihren gut entwickelten Fingern eine Leichtigkeit ist. Dann hatten sie ihre Körper durch die Öffnung gezwängt, waren der Schwerkraft erlegen und in den Behälter gefallen. Nun hockten sie da und wussten nicht weiter. Immerhin war für reichlich Verpflegung gesorgt.

Frau L. brauchte ein paar Minuten, um die Situation zu durchdenken und die Möglichkeiten auszuloten, wie die richtige Ordnung wiederherstellbar wäre. Denn Waschbären gehören definitiv nicht in den Restmüll. Frau L. ging ins Haus und suchte nach dicken Handschuhen, um entsprechend gut gerüstet die Mülltrennung vorzunehmen. Sie kletterte in den Container und näherte sich den pelzigen Brüdern. Der eine thronte fauchend auf dem Abfallberg, sie griff ihn fest am Nackenfell und beförderte ihn ins Freie, woraufhin der Gerettete eiligst in den Büschen verschwand, ohne sich umzuschauen. Schlimm sah allerdings der andere Pechvogel aus. Er wurde vom Müll fast erdrückt und erstickt, Schmutz war in Nase und Schnauze gedrungen, dass es ihm den Atem nahm. Offensichtlich war Regenwasser in den Behälter gelaufen und ergab in Gemeinschaft mit Asche und Kaffeesatz eine dickflüssige und wenig duftende Bodylotion, die den armen Bären von oben bis unten bedeckte. Für ihn kam nun Rettung in letzer Minute.

Inzwischen war auch eine Nachbarin am Container erschienen und bot nach dem ersten Überraschungsschub willkommene Hilfe an. Tücher wurden eilig geholt und eine Schüssel mit warmem Wasser. Die Nachbarin hielt den sich sträubenden Pelz, dessen Lebensgeister allmählich wieder erwachten, während Frau L. entschlossen begann, den Schmutz von dem Bären zu waschen. Schließlich: Was Waschbär heißt, muss waschbar sein. Zumindest im Schonwaschgang. Vorsichtig entfernte sie den Unrat, bis das graue Fell mit den markanten schwarzen Streifen in voller Reinheit erstrahlte. Danach wurde der Kleine getrocknet und ebenfalls in die Freiheit entlassen. Dass Frau L. die Prozedur mit nur wenigen Schrammen durchstand, war der Sachlage zuzuschreiben, dass sich das kleine Raubtier noch im halbstarken Alter befand. Vermutlich waren die Bären erst kürzlich der Selbstständigkeit überantwortet worden, wie es in Waschbärenkreisen im Herbst so üblich ist. Als Frau L. endlich Zeit fand, sich selber zu betrachten, musste sie registrieren, dass sie nicht besser aussah und roch, als vordem der nun gereinigte Bär. Doch es machte ein schönes Gefühl, eine gute Tag vollbracht zu haben.

Am kommenden Tag glaubte Frau L. ihren Augen nicht zu trauen. Am Container standen Leute und gestikulierten auf eine Weise, die nur in eine Richtung zu interpretieren war. Der Container hatte offensichtlich wieder Waschbärenbesuch. Nur ein Bärchen hatte sich diesmal verirrt, das war aber unterm Strich immer noch ein Bär zu viel. Offensichtlich war der Kleine erfahrungsresistent. Also die Prozedur noch einmal und den Irrläufer befreit. Ein Waschgang war diesmal nicht vonnöten. Allerdings wurde klar, es musste eine Lösung her. Und die hatte man schnell gefunden. Eine Lösung, die einfach und wirkungsvoll war. Der Deckel des Containers bekam ein Vorhängeschloss und jeder Mieter einen Schlüssel. Nur die Waschbären nicht.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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