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Nach dem Spiel

Nach dem Spiel

Er fiel auf und das war sein Glück. Nicht seine Ohren, die in unterschiedliche Richtungen strebten, erregten die Aufmerksamkeit. Nicht der adrette Brustlatz oder die etwas krummen Beinchen.

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Quelle: André Kempner

Nein, es war die Bekleidung, die aus dem Rahmen fiel. Um seinen rundlichen Bauch spannte sich ein Leibchen, auf dem ein Schriftzug prangte. Der Name des örtlichen Fußballvereins.

Nun käme kein Hund auf die Idee, sich mit einem Trikot zu schmücken, nicht einmal mit dem des Lieblingsvereins. Urheber des Gedankens war selbstverständlich Bosses Herrchen. Doch hatte der seinen Enthusiasmus auf den Hund übertragen, so dass man reinen Gewissens auch Bosse als Fan bezeichnen konnte. Wenn auch eher in passiver Form. Bosse spielte zwar gerne mit Bällen, doch ohne sportlichen Ehrgeiz. Und Regeln waren ihm sowieso schnuppe. Auch sein Besitzer war nicht aktiv mit dem Ball verbunden, er fühlte sich auf der Tribüne zuhause und weil der Heimatverein bis jetzt noch auf dem unteren Level im Liga-System zu finden war, wenn auch in aufstrebender Form, wurden die Spiele ebenfalls auf kleineren Plätzen ausgetragen, der niedrigen Stufe angemessen. Weil das nun einmal so war, durften auch die Hunde mit. Auf eigens ausgewiesenen Rängen war ihnen der Aufenthalt erlaubt, und das sogar umsonst. Selbstverständlich griff auch Bosse nach dieser Vergünstigung.

Bei allen Spielen war er vor Ort. Begeistert nahm er dann die spezielle Atmosphäre auf. Er atmete Fußball, er hechelte Fußball, er bellte begeistert mit, wenn es lebhaft wurde, und das besonders vorm Tor. Denn dann wurde auch sein Herrchen lebhaft, was Bosse freudig erspürte. Er machte sich alles zu eigen, übernahm die frohe Erwartung, das aufgeregte Fiebern. Und wenn angebracht, lebte er auch die Enttäuschung aus. Bosse und sein Besitzer wohnten nicht weit entfernt vom Sportplatz, was die Intensität der Gefühle fürs Fußballspiel noch verstärkte. Allein der Spaziergang zum Platz war ein schönes Erlebnis, es gab viel interessanten Kontakt zu Bosses Artgenossen. Doch keiner von ihnen trug wie er das bunte Vereins-Trikot. Er wurde deshalb sehr bewundert, das machte ihn ziemlich stolz.

Nun aber war alles anders gewesen. Sein Herrchen hatte verreisen müssen und Bosse zwecks Betreuung seinem Bruder anvertraut. Der war nicht minder fußballfanatisch und somit änderte sich nichts an diesem schönen Sonntag. Mensch und Hund begaben sich in Vorfreude zum Stadion, nur dass die Anfahrt in diesem Fall mit der Bahn erfolgte, es war ein Auswärtsspiel. Die Begegnung verlief ganz nach ihrem Sinn, der Gastgeber wurde geschlagen, es ging danach hoch her, dann machten sich beide auf den Rückweg. Und da passierte es. Es kam, wie es nie hätte kommen dürfen, doch dem Geschehen war das egal, es nahm darauf keine Rücksicht. Bosse und sein Betreuer stiegen in den Zug, noch ganz erfüllt vom großen Glück. Vermutlich war das Bier daran schuld, das im Siegestaumel den Weg in den Mann gefunden hatte. Auch fehlte dem dieses Selbstverständnis, einen Hund an der Seite zu wissen. Er vermisste folglich nichts, als er die Bahn verließ. Und den Hund vergaß.

Auch für Bosse war der Bahnhof nicht mit dem Wissen besetzt, dass er nun auszusteigen hatte. Daher blieb er beruhigt sitzen, schließlich war er ein braver Hund. Die Veränderung der Situation erreichte ihn erst allmählich. Er fühlte sich plötzlich sehr allein, was Ratlosigkeit erzeugte. Ein leichtes Winseln kam über ihn und diese Äußerung, in Gemeinschaft mit seinem Trikot, ließ ihn in den Mittelpunkt der mitreisenden Menschen treten. Die konnten nicht umhin, treffend festzustellen, dass hier ein Hund mit Fußballtrikot, aber ohne ein Herrchen saß. Sie alarmierten das Bahnpersonal und Bosse, überdies ohne Fahrtausweis, wurde aus dem Abteil genommen. Die farbenfrohe Ortsangabe auf seinem Fußballhemdchen legte die Spur zur richtigen Gegend, so dass man den Hund sofort dem dortigen Tierheim überstellte. Inzwischen hatte auch Bosses Begleiter den Verlust bemerkt und griff zum Telefon. Nun gibt es viele Hunde wie Bosse, doch das Fußballtrikot wies ihn als den Gesuchten aus, ohne ihn weiter beschreiben zu müssen. So konnte Bosse nach kurzer Zeit das Asyl verlassen. Und der vergessliche Hundesitter spendierte ihm in tiefer Reue einen großen Knochen.

Karin Tamcke

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