Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 8 ° heiter

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Papageien erobern Deutschland

Gefiederte Einwanderer Papageien erobern Deutschland

Dem einen oder anderen Spaziergänger sind sie schon aufgefallen, manche sprechen gar von einer Invasion - wilde Papagaien, die immer mehr deutsche Parkanlagen bevölkern. Die breite Öffentlichkeit weiß nur wenig über das Phänomen. Oft noch wird die Thematik aus Unkenntnis in das Reich der Fantasie verwiesen.

Voriger Artikel
Brunos Flucht
Nächster Artikel
Sein neuer Mantel

Der Alexandersittich ist die nach dem Halsbandsittich in Deutschland häufigste, freilebende Papageienart.

Quelle: fotolia ©Rafael Ben-Ari

Bei den Vögeln handelt es sich um ursprünglich in den Savannengebieten Afrikas und dem indischen Subkontinent beheimatete Papageien. Seit erfolgreichen Käfigausbrüchen vor circa vier Jahrzehnten haben sich diese im vergleichsweise klimatisch raueren Klima unserer Breiten einzurichten versucht. Mit Erfolg.

Wie es zu einer „grünen Invasion“ kam?

Angefangen hat das besondere Kapitel der exotischen Art in Köln Mitte der 1960er Jahre. So wurde ein erstes freilebendes Brutpaar der Spezies Psittacula krameri 1967 in Köln entdeckt, es stammte vermutlich aus dem Kölner Zoo. Offenbar war es dem Fluchtpaar in der Folgezeit erfolgreich gelungen, zwischen Häuserfluchten, Giebeln und Dachlandschaften für Nachkommenschaft zu sorgen. Wie sonst ist zu erklären, dass in der Vergangenheit neue Kolonien von Halsbandsittichen in anderen Städten in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg wie aus dem Nichts entstanden.

Fest steht, dass die heutigen Bestände die Nachkommenschaft ihrer Vorfahren aus Ziervogelhaltung der 1950er und 1960er Jahre darstellen. Denn aus eigener Kraft konnten sie Europa gar nicht erreichen. Nach ersten Bruten Ende der 60er Jahre in Köln, gelang es der Nachkommenschaft dann in den Folgejahren, sich auch im Ruhrgebiet weiter auszubreiten.

Nisthöhlen von Papageien

Besonders gerne lassen sich die gefiederten Exoten in alten Stadtparks an Rhein, Main und Neckar nieder, wo sie in altem Baumbestand ihre Nisthöhlen beziehen.

Quelle: fotolia ©arturas kerdokas

Dabei half gerade das warme Mikroklima den exotischen Gästen, die Winter zu überstehen. Eine vergleichsweise dichte Bebauung bedeutet auch höhere Temperaturen durch die Wärmeabstrahlungen der Häuserwände, eine günstige Futter-Infrastruktur durch nahegelegene Parks, Friedhöfe und Gartenanlagen. Hausfassaden und alter, hoher Baumbestand in anliegenden Grünanlagen bieten dem Höhlenbrüter ausreichend Hohlräume und Verstecke für potentielle Nistplätze. Gerade die Löcher in Isolations-Styroporverkleidungen und Bauschaum von Gebäuden haben es den etwa 40 Zentimeter großen Halsbandsittichen besonders angetan.

Mittlerweile hat sich die auch als kleiner Alexandersittich bezeichnete Art zu Tausenden in Deutschlands klimatisch günstiger gelegenen Städten breitgemacht. Umweltschützer sprechen mittlerweile gar von einer „grünen Invasion“.

Das Phänomen macht jedoch nicht vor nationalen Grenzen Halt, sondern hat eine globale Dimension erreicht . Da ihre natürlichen Lebensräume unaufhörlich schrumpfen, suchen immer mehr freilebende Papageien die Nähe des Menschen und siedeln sich rund um den Globus in Städten an.

Deutschland ist nur eines von vielen Ländern Europas, wo die zur Gattung der Edelsittiche gehörenden Art nicht nur „Asyl beantragt“, sondern auch erfolgreich gefunden hat. Nach Studien des Forschungsnetzwerks ParrotNet ist die belgische Population die drittgrößte in Europa, nach Großbritannien und den Niederlanden – Schwerpunkt in Brüssel mit mehreren tausend Exemplaren.

Welche Spezies fühlen sich offenbar bei uns heimisch und wo kommen sie eigentlich her?

Gelbkopfamazonen in Bad Cannstadt

Eine Population von mehr als 50 Gelbkopfamazonen gehört seit nunmehr 30 Jahren zum Stadtbild von Bad Cannstadt.

Quelle: fotolia ©mbefoto

Auf Menschen üben die bunten Vögel, deren Heimat vom Senegal und Guinea bis nach Eritrea reicht sowie Indien, Pakistan, Bangladesch, Myanmar und Sri Lanka auf dem asiatischen Kontinent umfasst, eine enorme Faszination aus.

Aus ihrer ursprünglichen asiatischen Heimat soll der griechisch-mazedonische König und Feldherr Alexander der Große vor über 2.300 Jahren die grünen Vögel mit nach Griechenland gebracht haben. Alexander der Große war auf seinem Feldzug um 334 v.Chr. in Griechenland gen Indien aufgebrochen. Von ihm erhielt die Sittich-Art auch ihren Namen. Von Griechenland breiteten sich die Spezies über die Jahrhunderte hinweg über ganz Südeuropa aus.

Die in Deutschland freilebenden Neozoen sind sicherlich Nachkommen aus ehemaligen Volieren-Beständen. Neben dem giftgrünen Halsbandsittich gelangten so auch der ähnliche, aber etwas größere Alexandersittich (Psittacula eupatria) sowie der kleinere Mönchssittich (Myiopsitta monachus) offenbar aus Gefangenschaft in Deutschlands Parks. Auch ein kleiner Bestand an Gelbscheitelamazonen (Amazona ochrocephala) ist in Stuttgart gemeldet.

Die mit Abstand am häufigsten in Deutschland vertretene Art ist der Halsbandsittich. Aktuelle Schätzungen gehen von rund 8.000 bis 9.000 Exemplaren aus, alleine davon rund 3.000 in diversen Stadtparks im Großraum Köln. Die zweitgrößte Population wird in Wiesbaden vermutet, wo sie etwa seit 1974 vor allem im Biebricher Schlosspark heimisch sind und als Nestklauer verdächtigt werden. Mittlerweile soll es hier bereits auch annähernd 3.000 Halsbandsittiche geben.

Die Bestände des größeren Artverwandten, des Alexandersittichs, sind deutschlandweit wesentlich kleiner, sie konzentrieren sich auf die Region um Köln und Wiesbaden/Mainz. Vor zehn Jahren wurden insgesamt rund 55 Brutpaare beziehungsweise insgesamt über 150 Tier gezählt – Tendenz steigend. 2015 waren es nach Schätzungen des Hobbyornithologen Detlev Franz bereits mehrere Hundert Tiere allein in der Region.

Die Hot Spots der Exoten – Wo halten sie sich am liebsten auf?

Mit der schleichenden Klimaveränderung und steigenden Jahres-Durchschnittstemperaturen auch in Mitteleuropa breiten sich die Sittich-Populationen in Europa kontinuierlich aus. Ein Zurückdrehen der Uhr ist aus Expertensicht jedenfalls auch in Deutschland nicht mehr möglich.

Kerngebiet ihrer Verbreitung ist die milde Rheinebene. Von dort breiteten sie sich kontinuierlich in größere Städte im Ruhrgebiet, Schwaben, Hessen und Oberbayern aus.

  • In Köln, Düsseldorf Heidelberg, Ludwigshafen, Mannheim, Wiesbaden, Worms und Frankfurt a.M. fühlen sich die Halsbandsittiche sichtlich am wohlsten, an Rhein und Main werden die größten Bestände bundesweit gemeldet.
  • In Zweibrücken wurde ein Papagei von der Polizei geblitzt
  • In Richtung Norden hat das Revier der Halsbandsittiche mittlerweile ebenfalls beachtliche Ausmaße angenommen und erstreckt sich von Duisburg bis nach Krefeld, Grevenbroich und Neuss.
  • In Stuttgart existiert die zurzeit größte freilebende Kolonie von Gelbstirn-Amazonen außerhalb Amerikas. Etwa 50 Exemplare sind es mittlerweile, vermutlich die Nachkommenschaft eines erstmalig um die Mitte der 80er Jahre in der Schwabenmetropole aufgetauchten Brutpaars. Offenbar waren sie ihrem Besitzer entkommen und haben aus ihrer Not eine Tugend gemacht. Die geflügelten Einwanderer aus Südamerika sind in Stuttgart gerne gesehene Dauergäste.

Besonders beliebt sind warme Nistplätze in der Nähe zu Obstplantagen, Maisfeldern und Sonnenblumen-Äckern – Sonnenblumenkerne sind ihre Lieblingsspeise. Gerade im Frühjahr sind die nektarreichen Blüten von hohen Kastanienbäumen in Parks und Alleen hochgeschätzt, wo sie oft stundenlang verweilen.

Nahrung der Papageien

Ein heimischer Halsbandsittich macht sich über die leckeren Äpfel in einer Obstplantage her.

Quelle: fotolia ©olly_plu

Auch die Blüten anderer Bäume, wie z.B. Apel-, Pflaumen- oder Weidenbäume naschen die Halsbandsittliche gerne. Im Herbst sind sie dann häufiger in Nuss- und Kirschbäumen anzutreffen.

Hohe, alte Baumbestände – vorzugsweise Platanen - in innerstädtischen Gürteln sind beliebte Treff- und Ruhepunkte, in sicherer Höhe haben die Vögel Schutz vor Katze und Marder und können ungestört ruhen. Die Vögel suchen sich eigens dafür immer wieder den gleichen Baum zum Schlafen aus, der auch ihr gemeinsamer Treffpunkt ist.

Dabei schätzen die Vögel offenkundig vor allem Bäume, die an beleuchteten und lauteren Standorten stehen, denn das schützt sie auch vor Fressfeinden - wie Eulen und Habichte - aus der Luft.

Ihre Versorgung mit Trinkwasser ist unproblematisch, überall lässt sich in Regenrinnen und Astgabeln etwas Wasser finden, zur Not wird im Winter auch der Schnee von den Dächern aufgenommen.

Tauben und Papageien teilen sich Nahrung

Wie die Tauben haben sich die grünen Exoten mittlerweile in einigen Städten Deutschlands zunehmend an die menschliche Nähe gewöhnt.

Quelle: fotolia ©Ammit

Nur vorübergehende „Asylsuchende“ oder künftige Plage? – Ein Ausblick

Immer wieder machen sich Sittich-Grüppchen auf, um neue Lebensräume zu erobern. Das hat auch viele Gegner und Kritiker der Entwicklung auf den Plan gerufen, die sich der Neozoen-Thematik angenommen haben.

So wird der Halsbandsittich vom Bundesamt für Naturschutz als „potenziell invasiv“ eingestuft. Das bedeutet, die Experten beobachten fortlaufend, ob der Sittich womöglich den Bestand alteingesessener Arten gefährdet. Allerdings streitet die Wissenschaft aktuell darüber, ob die Art unter die Kategorie fällt und etwa die heimische Tier- und Pflanzenwelt ernsthaft aus dem Gleichgewicht bringen könnte.

Halsbandsittiche nehmen angeblich Spechten ihre Bruthöhlen weg, so die Kritik vieler Naturschützer.

Sitzende Alexandersittiche

Die Männchen des kleinen Alexandersittichs sind leicht an der auffällig gefärbten Halspartie zu unterscheiden.

Quelle: fotolia ©zeitgeistl

Und Bauern wie Hobbygärtner befürchten ernstzunehmende wirtschaftliche Schäden: Wenn ein Schwarm von etwa 20 Sittichen über einen Nussbaum oder einen Obstbaum herfällt, könne es sein, dass die Ernte des Besitzers dürftig ausfällt. Fakt ist : Die Vögel gehen extrem verschwenderisch mit ihrer Nahrung um, indem sie selten eine Frucht komplett verspeisen, sondern mit Vorliebe immer neue Früchte lediglich anknabbern.

Im nördlichen Westeuropa halten sich die Vögel vornehmlich an das wärmere Kleinklima in Städten, in südlichen Ländern jedoch breiteten sie sich auch außerhalb städtischer Gegenden aus. Experten warnen vor einer ähnlichen zukünftigen Entwicklung in hiesigen Breiten. In ihrer Stammheimat Indien sind sie eine Plage, mittlerweile breiten sich auch die Populationen in Israel unkontrolliert aus. Vor allem Bauern beklagen den Ansturm der Vogelscharen, wenn sie die Ernte überfallen. Besonders auf Sonnenblumen haben es dabei die körnerliebenden Tiere abgesehen, auch aus einigen spanischen Regionen wird bereits über erhebliche Schäden berichtet.

Dem halten die Befürworter entgegen, dass eine grüne Invasion vorerst im kühleren Norden ohnehin nicht zu befürchten sei. Ihre räumliche Verbreitung sei in der Tat ziemlich langsam. Das läge an ihrem ausgeprägten Sozialverhalten, das sie mit anderen Papageienarten teilen. Wie ihre Artverwandte in den Herkunftsländern leben auch hiesige Tiere in großen Schwärmen zusammen, die sich über Tag gruppieren, da sie sonst ein zu leichtes Ziel für Fressfeinde bilden würden. Am Abend fügen sie sich wieder zu einem Schwarm zusammen und gehen gemeinsam auf Nahrungssuche. Erst wenn das Platz– und Raumangebot in einer Region durch Überpopulation vollends erschöpft ist, zieht die Gruppe in ein neues Gebiet. Daher sei ein allzu rasches Ausbreiten der Bestände auf Grund ihres äußerst geselligen Gruppenverhaltens nicht zu befürchten.

Gesellige Papageien

Die verschiedenen Papageienarten haben eines gemeinsam: Als ausgesprochen gesellige, soziale Wesen genießen sie den Kontakt zu anderen Artgenossen.

Quelle: fotolia ©Arpad

Haben Sie bereits freilebende Papageien in Leipzig gesichtet?

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tiergeschichten
  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr