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Schlamassel mit Assel

Schlamassel mit Assel

Ich bin umgeben von seltsamen grauen Gestalten. Klein und platt sind sie und ich könnte auf sie verzichten. Auch treten sie mir nicht offen entgegen. Keine Ankündigung ihres Erscheinens, kein Blickkontakt, kein Versuch einer Kommunikation.

Plötzlich sind sie da. Überraschend und nicht sehr willkommen. Kellerasseln. Kleine Krebstierchen ohne Niedlichkeitsfaktor, vor langer Zeit dem Meer entstiegen. Inzwischen haben sie sich übers ganze Festland verteilt, so dass sie jeder kennt. Auch in meinem Umfeld machen sie sich breit. Ständig stoße ich auf sie, auf ihre flachen gepanzerten Körper. Nie rechne ich mit ihnen, denke nicht an sie. Bis ich sie vor mir sehe. Plötzlich und unerwartet. Nach einem neuen Schlupfwinkel suchend, eilig und etwas konfus. Kleine schiefergraue Krabbler auf der Flucht vor Licht und Luft. Sie fühlen sich von mir gestört und sind blitzschnell wieder verschwunden, in allen möglichen Ritzen und Spalten. Und ich vergesse sie wieder. Bis zum nächsten Wiedersehen.

Sie begegnen mir überall. Am häufigsten bei der Gartenarbeit. Alles scheint friedlich zu sein. Ich fühle mich sicher und allein. Dabei lauern sie schon in allen möglichen Winkeln. Ich brauche nur einen Stein anzuheben, einen Kübel zu verrücken. Schon sind sie da, diese zwielichtigen Gestalten. Sie hielten sich nur versteckt. Nun streben sie eilig fort, mit spürbarer Entrüstung, heraus aus der Helligkeit, erpeilen mit den Fühlern die Richtung in komfortablere Zonen, in kühle, modrige Dunkelheit. Manchmal besuchen sie mich im Haus. Nachts im Badezimmer. Dann kommen sie aus den Ritzen des steinalten Gemäuers. Oder ich trage sie selbst herein, sie hatten im Kaminholz gesteckt, das gibt nun bei Benutzung die blinden Passagiere frei. Da wir uns so oft begegnen, beschloss ich eines Tages, mich ihnen mit Sympathie zu nähern, Wohlwollen aufzubauen. Auch wenn sie jedem Charme entsagen und aller Attraktivität, wollte ich sie dennoch schätzen, denn mein Garten braucht sie. Hier sind sie unentbehrlich, machen einen guten Job.

Erstzersetzer nennen sie sich. Ohne ihre emsige Arbeit würde uns das Herbstlaub bald bis zu den Ohren reichen. Sie sind die Biomüll-Abfuhr, die Arbeiter fürs Grobe, häckseln die Blätter vor, den Rest übernehmen andere Trupps. Und was wäre der Komposthaufen ohne diese Gliederfüßer? Dort werkeln sie mit Enthusiasmus, stürzen sich auf alles, was am Verrotten ist. Aus dem welken Blattwerk wird dank ihrer Hilfe eines Tages feiner Humus. Das sind gute Gründe, sich mit ihnen anzufreunden. Folglich redete ich mit ihnen, lobte sie für den pflichtbewussten Einsatz, ermunterte sie in ihrem Treiben. Diese neue Einstellung hellte das Miteinander auf, fast freute ich mich über sie. Zwar fiel vorübergehend ein kleiner Wermutstropfen in die neue Zuneigung, als ich sehen musste, dass ihnen auch Kartoffeln schmecken. Doch konnte ich die Knollen so reichlich aus der Erde nehmen, dass ich ihnen großzügig den kleinen Anteil überließ.

Dann geschah etwas, das änderte meine Gefühle, kippte das ganze Gebäude der neu erworbenen Sympathie . Ich machte eine Entdeckung, die mich irritierte. Meine bildschöne Orchidee hatten offenkundig beschlossen, vor sich hin zu kümmern. Kein rosa Blütengeriesel, stattdessen welke Blätter. Und das bei liebevollster Pflege. Ich stand vor einem Rätsel. Sprach einfühlsam mit der Pflanze, goss sie ausgewogen, ließ Dünger auf sie wirken. Nichts konnte den Niedergang stoppen. Ratlos entnahm ich sie dem Topf. Ungläubigkeit kam über mich. Denn die arme Pflanze hatte fast keine Wurzeln mehr. Aus dem verbliebenen Geflecht blinzelte mir stattdessen ein alter Bekannter entgegen. Sie musste das falsch verstanden haben, die gute Kellerassel. Und zwar gründlich falsch. Hier gab es keinen Zersetzungsauftrag. Ich liebte die hübsche Pflanze. Das war nun der Augenblick, in dem sich meine Zuneigung, so mühsam aufgebaut, angesichts dieses Schlamassels spontan in nichts auflöste. Ich war der Assel richtig böse. Was zu viel ist, ist zu viel.

Doch bekanntlich heilt die Zeit die Wunden. Angesichts des vielen Herbstlaubs, das wieder meinen Garten bedeckt, habe ich mich zur Neuauflage des positiven Gefühls entschlossen. Und auf der Fensterbank blüht eine neue Orchidee.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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