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Sein großer Augenblick

Tiergeschichten Sein großer Augenblick

Da sitzt er nun auf seinem Holzpodest. Schaut blasiert in die Runde. Noch ist er nicht an der Reihe. Er muss auch nicht, wenn er nicht will. Keiner kann ihn dazu zwingen. Nur er selbst entscheidet. Andererseits – er wäre ja schön dumm, wenn er das Angebot nicht nutzte. Es kostet ihn doch keine Mühe.

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Quelle: Andreas Doering

Und wenn die Menschen es so wollen, dann macht er ihnen die Freude. Schließlich waren sie es, die ihn damals retteten. Mit gebrochenem Bein wurde er aufgefunden. Ein noch nicht flügges Falkenküken. Man brachte ihn in den Wildpark, dort kam er auf die Krankenstation, die Leute verstanden sich darauf, kleine verletzte Bruchpiloten wieder gesund zu pflegen. Er bekam eine Schiene ans Bein und musste nun geduldig warten, was ihm gar nicht behagte. Schließlich ist ein Falke für Schnelligkeit bekannt und nicht für untätiges Rumgesitze, auch wenn er noch ein Küken ist. Neben ihm in der Box schnarrte ein verletzter Uhu, auch ein Jungtier wie er. Bei dem Uhu ging es fixer, er war im Handumdrehen gesund und konnte nach entsprechendem Training wieder zurück in die Freiheit. Bei dem kleinen Falken dauerte es eine Weile, der Bruch verheilte zwar, doch er brauchte dafür eine längere Zeit und als der Vogel dann fit war, hatte er sich so sehr an das sorglose Dasein gewöhnt, dass er keine Lust verspürte, seine Nahrung selbst zu erjagen. Trotz intensiver Schulung verließ er sich auf den Service, der ihn doch so lange zuverlässig beliefert hatte. Und damit stellte er die Weichen für seine Zukunft in dem Park.

Er bekam den Namen Heinrich und zog in eine Voliere in der Raubvogel-Abteilung. So wurde er eines von den Tieren, die auf dem großen Areal des Parks ihre Heimat gefunden haben. Zierliches Rotwild äst hier neben mächtigen Sika-Hirschen, in ihrem eingezäunten Waldstück heult ein Rudel Wölfe, eine weitläufige Wiese lässt sich von Heidschnucken mähen und jedes Jahr kommen die Störche, um auf den hohen Masten zu brüten. Seine unmittelbaren Nachbarn wurden Bussarde, Schnee-Eulen und Uhus und sogar ein Seeadler-Pärchen. Sie alle waren einst als verletzte Jungtiere angekommen und aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr für die Wildbahn geeignet. Nun gehört Heinrich dazu. Täglich flanieren die Besucher an den Volieren vorbei und Heinrich lässt sich gerne betrachten. Neben den beiden Adlern hat er jedoch wenig Chancen auf große Aufmerksamkeit, das ist ihm schon bewusst. Falken sieht man ja überall in der freien Natur, bei Adlern ist das eher selten.

Doch Heinrich weiß genau, dass seine Stunde kommen wird. Sein großer Augenblick. Er relaxed ja nicht nur in der Voliere, zu seinen Aktivitäten gehört auch der regelmäßige Auftritt in der Raubvogelschau. Er hatte intensiv trainiert, bis er in der Lage war, an der Vorführung teilzunehmen. In dem eingezäunten Rund sitzt er dann auf einem Pfahl und wartet auf seinen Einsatz. So wie auch heute. Wie immer sind reichlich Zuschauer da. Mit mäßigem Interesse guckt er der Schnee-Eule zu, die etwas schläfrig demonstriert, wie weit sie den Kopf drehen kann. Er sieht darin kein Kunststück. Nun wird der mächtige Adler auf den Handschuh des Pflegers genommen. „Ah!" und „Oh!" machen die Leute. Er kennt sie schon, diese Reaktionen. Die Menschen machen das immer, wenn sie den Adler sehen. Dabei schaut der nur majestätisch und schlägt ein bisschen mit den Flügeln, mehr kann der Bursche nicht, doch offensichtlich reicht das für ein allgemeines Staunen.

Er selbst wird kaum beachtet. Na wartet nur, denkt er. Er weiß um seine Stärke, er wird es allen zeigen. Sein Pfleger löst den Riemen, der ihn an den Baumstamm bindet. Sofort erhebt er sich in die Lüfte. Sehr hoch hinauf fliegt er, bis er nur noch ein dunkles Pünktchen am blauen Himmel ist. Er weiß, was er zu tun hat, was die Leute sehen wollen. Sie wünschen sich den Nervenkitzel, wähnen ihn bereits verloren, doch das feste Band des Vertrauens garantiert die Wiederkehr. Und noch eine Kleinigkeit. Heinrich wartet schon darauf. Auf diesen einen Moment. Ein Fleischstückchen wird in die Luft geworfen. Seine Belohnung! In pfeilschnellem Sturzflug kommt er herabgeschossen und fängt den Happen im Fluge auf. Kein Tier schafft diese Geschwindigkeit. Die Zuschauer sagen nun endlich „Aaah!" Heinrich nimmt es zufrieden zur Kenntnis. Er hatte es doch gewusst.

Karin Tamcke

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