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Sie sind ja so gemein!

Sie sind ja so gemein!

Klar! Das lassen sie sich nicht nehmen, zum Ende des Sommers aufzutauchen. Dann, wenn die Pflaumen reif sind und, verteilt auf Hefeteig, meinen Lieblingskuchen gestalten.

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Quelle: Peer Grimm

Sie sind wieder da. Mit frecher Unverschämtheit machen sie mir klar: Der Kuchen gehört nicht dir allein! Gib dich da keiner Hoffnung hin!

Meine tiefe Bewunderung gilt den Verkäuferinnen in dem Bäckerladen. Tapfer harren sie aus hinterm Tresen, während vor ihnen das Gebäck eigenwillig dekoriert ist mit schwarzgelben wuselnden Insekten. Wespen! Vertreiben lassen die sich nicht, ihre Psyche ist widerstandsfähig, sie kommen zurück wie ein Bumerang. Also greifen mutige Hände nach Zange und Papp-Tablett und sichern meine Bestellung hinter dem festen Papier einer Tüte. Doch kaum zuhause ausgepackt, kommt ein Tieffluggeschwader und okkupiert meine Küche. War irgendwo ein Fenster offen? Und woher wissen sie, dass ich genau in diesem Moment meinen Kuchen aus der Tüte schäle?

Doch sie stehen nicht nur auf Pflaumenkuchen. Sie haben ihre Hochzeit, wenn es aus dem eigenen Garten Obst in Hülle und Fülle gibt. Sonnenklar, dass diese Insekten alles als Eigentum betrachten. Es gibt kaum Äpfel am Baum, die ohne Fraßspuren sind. Einmal reingebissen – und der nächste Apfel wird probiert. Und nicht nur das. Sie präparieren das Fallobst im Gras, fressen Höhlen in die Früchte und kriechen in das Versteck, um im rechten Moment den Stachel in meine Hand zu bohren. Sie warten auf mich im Brombeergestrüpp und lassen mich Ahnungslose in die dunklen Beeren greifen... Im Sommer steigt mein Zwiebelverbrauch, ein probates Mittel gegen brennendes Wespengift. Nein, sie verhalten sich nicht freundlich. Selbst ihr Name sagt es schon: Sie sind nicht nur gemein, sie nennen sich auch entsprechend. Als Gemeine Wespe stehen sie im Lexikon.

Ein ruhiges Frühstück auf der Terrasse? Fehlanzeige. Überall summt und krabbelt es. Mit den Fühlern wird ertastet, was sie zum Fressen für tauglich halten. Und das ist eine ganze Menge. Sie klauen Stückchen aus meiner Wurst, nagen an dem Käse. Besonders Süßes schätzen sie. Marmelade und feiner Honig? Aber liebend gerne! Doch Vorsicht! Beides macht sie aggressiv. Und wer möchte schon seine Mahlzeit mit angriffslustigen Gästen teilen? Experten empfehlen eine List, die Quälgeister fernzuhalten: die Ablenkfütterung. Man nehme folglich ein Tellerchen, bestücke es reichlich mit reifen Trauben, die stehen bei Wespen hoch im Kurs, und serviere den Herrschaften ihre Mahlzeit mit genügend Abstand. Bei mir hat das nicht funktioniert. Die Nervensägen fanden mein Frühstück interessanter als ihren Traubenteller. Es sei denn, ich aß nur saure Gurken.

Doch was macht man gegen die schwarzgelbe Plage? Verscheuchen funktioniert nicht und wird auch nicht empfohlen. Das reizt die Wespen nur noch mehr und es passiert etwas Schreckliches. Sie holen sich Verstärkung. Wie sie das machen, ist mir ein Rätsel. Denn plötzlich werde ich nicht von nur einem Exemplar umschwirrt. Diese Hautflügler kommen von allen Seiten und stehen der Schwester bei. Sie umkreisen mich mit wildem Gesumme und Angriffslust im Blick. Nicht einmal wegpusten soll man sie, die kleinen Plagegeister. Das Kohlendioxyd im Atem ist für sie ein Alarmsignal, das nur eine Antwort kennt: Sie ziehen ihre Waffe. Und die hat es wahrlich in sich. Da Wespen auch auf Düfte stehen und auf bunte Kleidung, stapfe ich lieber unparfümiert und graumäusig durch den Sommer.

Doch das sind alles Kinkerlitzchen gegen ihre größte Gemeinheit. Ich darf sie mir gar nicht betrachten, diese ranken und schlanken Gestalten. Sie futtern den ganzen Tag lang nur Süßes und setzen trotzdem kein Fett an! Sie tragen ungeniert Quergestreift, ohne dicker zu wirken und zeigen mir stattdessen, was ich mir seit langem wünsche: ihre dünne Wespentaille! Und was sehe ich an mir, wenn ich in den Spiegel gucke? Bestenfalls eine Bienentaille. Mit Tendenz zur Hummel. Wenn DAS nicht gemein ist, weiß ich nichts! So bleibt mir nur der Entschluss, auf Süßes zu verzichten. Und während sie von meinem Tisch die gezuckerten Beeren futtern und Pflaumenkuchen mit Sahne, sitze ich daneben und beiße mit beträchtlichem Groll in einen sauren Apfel.

Karin Tamcke

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