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Silberne Treue

Silberne Treue

Neue Wanne, neuer Bodenbelag, neue Wandbekleidung. Alles neu. Keine bröckelnden Fugen mehr zwischen alten Fliesen, keine undichten Armaturen und keine Feuchtigkeit, die sich unter der Wanne sammelt und das Mauerwerk durchtränkt.

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Non parlo tedesco
Quelle: Creative Commons

Ich habe ein neues Bad. Im Bad ist nun alles frisch und perfekt und es gibt nur Wasser, wo es auch hingehört. Doch in die Freude über die Sanierung mischte sich auch ganz leise ein kleiner Gedanke der Sorge. Hatte ich mit dieser Aktion andere Existenzen zerstört? Wäre es sogar angebracht, ein schlechtes Gewissen zu haben?

Nicht nur ich wohne hier und benutze das Badezimmer. Außer den freiwillig ins Haus geholten Wesen, wie Haustiere und Familienmitglieder, hatten sich auch Gäste unter die Zuzügler gemogelt, die ohne Einladung kamen. Ich denke an Spinnen und anderes Getier, das nicht so offensichtlich seine Präsenz behauptet. Auch in meinem Bad war ich nicht allein geblieben. Eine ganze Sippe hatte sich hier breit gemacht, schlanke silbrige Tierchen, ein kleines lichtscheues Volk. Tagsüber blieben sie unsichtbar, doch nachts im Dunkeln kamen sie an, krochen aus den Verstecken und schwärmten nach allen Seiten aus, huschten über die alten Fliesen und fühlten sich wohl und zuhause. Schaltete jemand das Lampenlicht an, waren sie hektisch bemüht, in der nächsten Ritze zu verschwinden. Silberfischchen.

Sie erinnern mich immer an Robben, an nette, niedliche Robben im Miniatur-Format. Ich sehe den ähnlichen Körperbau und in den tastenden Fühlern erkenne ich einen Schnurrbart. Auch wenn sie nicht im Wasser leben, lieben sie doch die Feuchtigkeit und ganz besonders Schimmel, daher war das alte Bad für sie das reinste Paradies. Mich störten die Fischchen nicht, zumindest nicht im Badezimmer. Es hatte aber Zeiten gegeben, da dachte ich anders über sie. Es ist schon eine Weile her, ich war in den ersten eigenen Wohnraum gezogen, in ein kleines Gartenhäuschen. Keine Luxusbude, wie man sich denken kann. Auch damals gab es Mitbewohner, die sich eingeschlichen hatten und mietfrei bei mir wohnten. Von der Fensterbank seilten sich dicke Spinnen ab, das fand ich nicht erfreulich, sie taten das gemeinerweise genau über meinem Bett. Asseln wieselten über den Boden, die hatten irgendwo den direkten Zugang vom Garten gefunden. Seltsame Käfer verirrten sich und auch die kleinen Silberfischchen. Sie waren mir von allen die liebsten, hielten sich tagsüber diskret im Hintergrund, während das andere Insektenvolk frech vor meiner Nase rumturnte.

Und dann geschah es doch, dass meine Sympathie für die kleinen Fischchen im Nu in sich zusammenfiel. Nämlich an dem Tag, an dem ich den dicken Ordner vorkramte. Er hatte seinen Platz in Ermangelung von Regalen auf dem Fußboden gefunden und enthielt alle wichtigen Unterlagen. Ich brauchte für eine Bewerbung meine Schulzeugnisse, schlug den Ordner auf und mir stockte vor Entsetzen der Atem. Wie sahen die Zeugnisse aus?! Die harmlos erscheinenden Silberfischchen hatten in den Unterlagen eine Leibspeise vorgefunden, sich durch das Papier gefuttert, die Oberfläche abgeknabbert und ein paar Zensuren vertilgt. Leider nicht die schlechtesten. Am Ende bekam ich trotzdem den Job und war mit ihnen wieder versöhnt.

Bald zog ich um in eine Wohnung ohne Silberfischchen-Kontakt. Sie schafften es wohl nicht bis in den zweiten Stock hinauf mit ihren kurzen Beinchen. Erst mit meinem jetzigen Haus, diesem alten Gebäude, übernahm ich auch wieder die Freunde von damals. Ich störte mich nicht an ihrem Dasein, ich hebe im Bad keine Ordner auf und keine wichtigen Unterlagen. Außerdem sind die Fischchen nützlich, sie vertilgen Milben und Schimmel. Wobei ein Milbenvorkommen nicht sichtbar und daher nicht nachprüfbar ist, wohl aber das an Schimmel. Und jetzt standen sie vor dem Aus, die armen Silberfischchen.

Ich hatte ihnen ihr Heim genommen, ihre Lebensgrundlage zerstört. Eine geschlossene Fugendecke zieht sich durch den Raum. Es gibt keine Schlupfwinkel mehr und keine feuchten Ecken. Und auch ihre Schimmel-Mahlzeit hat die Chemie gefressen. Doch dann, fast spürte ich eine Erleichterung, sah ich gestern Nacht in der Küche ein silbriges Tierchen durch meine Spüle flitzen. Unbegründet war meine Sorge, die Silberfischchen blieben mir treu, sie sind lediglich umgezogen!

Karin Tamcke

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