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Soll ich oder soll ich nicht?

Tiergeschichten Soll ich oder soll ich nicht?

Soll ich oder soll ich nicht? Für die Klärung dieser Frage beansprucht Frodo stets eine geraume Weile. Jede Forderung an ihn muss er gut prüfen und durchdenken, bevor er ihr nachkommt. Oder auch nicht. Er ist kein feuriger Araber, der übersensibel auf das kleinste Zeichen reagiert, sondern ein nettes Fjordpferdchen mit bedächtigem Gemüt und ausgeprägtem Dickkopf.

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Quelle: dpa

Obwohl sehr intelligent, oder vielleicht gerade deshalb, ist er bekannt für seine eher behäbige Art der Befehls-Durchführung. Alles will hinterfragt sein, warum sollte er plötzlich zum leicht dirigierbaren Pony werden? Geradezu rufschädigend wäre das. Er verhält sich so, wie er es für richtig erachtet. Seine Besitzerin weiß darum, trotzdem ist er für sie das netteste Pony der Welt. Denn Frodo verteidigt nicht nur seine Sturheit, er ist auch freundlich, liebenswürdig und gewitzt.

Wem gelingt es, den Riegel der Stalltür zu öffnen? Wer mogelt sich unaufgefordert in die Nachbar-Box und frisst dem großen Pferd das Futter unter den Nüstern weg, während der arme Braune hilflos danebensteht und verzweifelt schaut? Wer ist der Spezialist im Betteln nach Leckerchen, durchforstet alle erreichbaren Taschen? Die Menschen verstecken ja nur zu gerne viele gute Sachen in ihren Jacken- und Manteltaschen. Äpfel, Möhren, Kekse – oft hat er reiche Beute gemacht. Will man ihn erziehen, ihm die Grenzen aufzeigen, verweist er auf seine Sturheit und schüttelt nur ungerührt die Mähne. Selbstredend übergeht er auch gerne die Hilfen, wenn er geritten wird. Er ist es, der bestimmen möchte, nicht immer lässt er sich leicht überzeugen. Und auch nur so konnte es zu dem denkwürdigen Erlebnis kommen. Allein die Erinnerung daran erzeugt bei seiner Besitzerin einen Schauder des Entsetzens und nachträgliches Erröten.

Es war ein schöner Frühlingstag, die Sonne schien und verbreitete ungewohnte Wärme. In den Bäumen sangen die Vögel ihre Liebeslieder, die Bienen und Hummeln umschwärmten die Frühlingsblüher, quittegelbe Zitronenfalter zeigten das Ende des Winters an. Es war der ideale Tag für einen Ausritt in den Wald. Der Weg dorthin war Frodo sehr genehm, machte es ihm doch immer einen Heidenspaß, arglose Spaziergänger zwecks Taschenkontrolle zu stellen. Die waren, wie man sich denken kann, nicht immer sehr erfreut darüber und manch ein ängstlicher Mensch hatte schon sein Heil in der Flucht durch einen beherzten Sprung in die Büsche gesucht, was Frodo zu belustigen schien. Doch er hatte auch oft viel Zuwendung erfahren. Nicht zuletzt die Aussicht auf diese netten Erlebnisse lässt ihn folglich jeden Ausritt zu einem frohen Ereignis werden. Sie nahmen die vertraute Route, die Frodo so gut kennt, erreichten das Waldgebiet, bogen dort vom Hauptweg ab und in den schmaleren Nebenweg ein. Frodo lief am langen Zügel, die Sonne schien auf sein hellbraunes Fell, er erlebte den Waldboden unter den Hufen, der den Hall der Schritte dämpfte, fast lautlos trabte er dahin, es war wirklich ein rundum schöner Tag.

Plötzlich spitzte er die Ohren, stapfte eigenmächtig ein paar Meter in den Wald hinein, umrundete einen Busch, der ausladend seine Zweige bis zum Wegesrand wachsen ließ. Hatte er es doch gewusst! Zwei Menschen! Frodo zog die Bremse an und blieb in froher Erwartung stehen. Er war bereit für die Taschen-Kontrolle. Aber nun gab es ein Problem. Das Pärchen dort unten auf dem weichen Waldboden konnte keine vorweisen. Denn wer keine Bekleidung trägt, bei dem wird man schwerlich Taschen finden. Es gab rein gar nichts zu kontrollieren. Doch so schnell wollte Frodo nicht kapitulieren. Es lässt sich nicht mehr ermitteln, wer erschrockener war, das Paar oder Frodos Reiterin, die verzweifelt versuchte, ihr Pferd auf dem schnellsten Wege zu wenden und wieder dem rechten Pfad zuzuführen. Allein Frodo zeigte sich unbeeindruckt. Hier stellte sich wieder für ihn die eingangs erwähnte Frage: Soll ich oder soll ich nicht? Neugier paarte sich mit seinem Dickkopf und gab damit die Antwort. Es half daher kein Zug am Zügel, kein noch so verzweifelter Schenkeldruck, stocksteif stand das Pferdchen da und guckte mit großem Interesse hinunter auf die Menschen, auf deren Gemütsverfassung man lieber nicht eingehen sollte. Doch auch seine Besitzerin bewegte nur der eine Wunsch, so schnell wie möglich zu verschwinden.

Leider dauerte es eine geraume Weile, bis Frodo endlich bereit für den Rückzug war. Beflügelt von guter Laune, trabte er wieder den Waldweg entlang. Er konnte ja nicht ahnen, dass oberhalb seines Sattels jemand den festen Schwur tat, seine lückenhafte Erziehung gewaltig verbessern zu müssen.

Karin Tamcke

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