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Tanz der Vampire

Tanz der Vampire

Nein, man kann nicht sagen, dass sich Karel ins Haus gemogelt hatte. Kein Vorwurf war ihm da zu machen. Er hatte vielmehr einen neutralen Busch gewählt, um sich und sein Dilemma vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

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Das Wunder der Verwandlung
Quelle: Ulrich Perrey

Karel, der Bruchpilot. Und wäre Benni nicht gewesen, der Mischlingsrüde Benni, der sich im allgemeinen recht wortkarg gibt und nur bellt, wenn es gar nicht anders geht, dann hätte sich Karel bald vom Leben verabschieden können.

Nun aber bellte Benni vor besagtem Busch. Er tat das laut und markant und so lange, bis Frau R. nachschauen kam, was den Hund so empörte. Wenn ihr Benni sich derart äußerte, musste ein triftiger Grund vorliegen. Weil auf Anhieb nichts Ungewöhnliches vorzufinden war, bog Frau R. die Zweige des Busches auseinander, was zu Karels Entdeckung führte. Frau R. sah eine Fledermaus, die versuchte, sich einhändig durchs Gestrüpp zu hangeln. Was wenig erfolgversprechend ist, wenn man dabei als Fledermaus nur einen Flügel benutzen kann. Alles deutete auf eine Verletzung hin. Die Bergung ließ sich Karel selbst in Anbetracht der misslichen Lage nicht widerstandslos gefallen. Schließlich war Aufbegehren seiner Fledermausehre geschuldet. Er kreischte seine Empörung laut aus sich heraus und probierte Beißattacken in die (vorsichtshalber behandschuhte) hilfreiche Menschenhand, dann fand er sich, immer noch protestierend, in einem weich ausgepolsterten Schuhkarton wieder. Damit war der erste Schritt zur Fledermausrettung getan.

Man kann sich nun fragen, wie Frau R. in der Lage war, die Angelegenheit so zielgerichtet zu händeln. Ohne Aufregung und Zögern. Die Erklärung ist, dass sie nicht unerfahren ist in der Pflege wilder Flatterer. Allerdings betraf das bislang nur flugunfähige Vögel. Doch die Instandsetzung einer Fledermaus würde sich im Ablauf auch nicht anders gestalten, da war Frau R. optimistisch. Trotzdem stand zu allererst ein Besuch beim Tierarzt an, der Karel als Großes Mausohr klassifizierte und einen Bruch des Vorderbeins diagnostizierte. Mit günstiger Prognose. Karel wurde entsprechend versorgt, eine gute Pflege würde das Übrige tun, um dem kleinen Vampir bald wieder in die Luft zu verhelfen.

Karel bezog ein Krankenzimmer in Form eines leeren Aquariums. Mit weichen Tücher als Bettwäsche, zum Einkuscheln und als Unterlage. Da Frau R. kein Mitleid mit Mehlwürmern kannte, war die Ernährung des kleinen Patienten auch nicht problematisch. Zu trinken bekam er Wasser, das mittels Pipette tropfenweise seinen Weg ins unwillig verzogene Mäulchen fand. Der Rekonvaleszent hatte folglich bei allerbester Versorgung nur noch abzuwarten, bis der Heilungsprozess beendet war, was recht schnell geschah. Zur Auffrischung seiner Fluglizenz stand Karel das Wohnzimmer zur Verfügung. Doch seine Fortbewegung beschränkte sich lediglich auf plumpe Hüpfer, die man beim besten Willen nicht als Fliegen bezeichnen konnte. Frau R. reagierte mit Ratlosigkeit. Hatte Karel vor, ewig ihr Pflegling zu bleiben? Die Freiheit stand ihm längst offen. Doch ein Mausohr, das nicht fliegen will...? Litt er an mangelndem Selbstvertrauen oder genoss er ganz einfach den guten Zimmerservice? Folglich hockte Karel weiter in seinem Aquarium und ließ sich mit Würmern füttern. Er schien sich mit seinem Leben als Haustier arrangiert zu haben.

Dann geschah eines Abends etwas höchst Ungewöhnliches. Ein heißer Sommertag ging zuende, Frau R. öffnete weit die Fenster, um der frischen Nachtluft Einlass zu gewähren. Plötzlich kam etwas in den dunklen Raum geflattert. Und dann noch etwas... dann war das Zimmer voller Fledermäuse. Sie flogen kreuz und quer in einem lautlosen Tanz, navigierten sich geschickt an allen Hindernissen vorbei. Hatte ihnen Karel ein Signal gesandt? Heimlich Kontakt aufgenommen? Von der guten Verpflegung geschwärmt? Frau R. war nun doch irritiert. Eine Fledermaus, das ging für sie in Ordnung, nicht aber ein ganzer Schwarm. Und dann, so plötzlich, wie sie gekommen waren, flogen die kleinen Vampire wieder hinaus in die Nacht. Der Spuk war so schnell vorüber, dass Frau R. nicht sicher war, alles nur geträumt zu haben. Dann sah sie das leere Aquarium. Und wusste nun, es war kein Traum gewesen. Karel war fort. War, gestärkt und ermuntert von den Artgenossen, endlich mit ihnen in die Freiheit gezogen.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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