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Trotzki mit den Feenaugen

Trotzki mit den Feenaugen

Einen ganz besonderen Kater. Natürlich ist er für mich besonders, weil er mein Kater ist. So wie alle Katzen, die je in meinem Hause lebten. Doch Trotzki ist tatsächlich anders.

Ich habe einen Kater. Seit einem halben Jahr wohnen wir zusammen.

Kater sucht dringend ein Zuhause, so ging der Hilferuf bei mir ein. Die Sache schien keinen Aufschub zu dulden, wie hätte ich ablehnen können? Er wurde angeliefert, aus dem Katzenkorb drang Protest-Miauen, man öffnete das Türchen, er befreite sich – und ich traute meinen Augen nicht. Ein Kater, weiß wie Schnee! Wie frisch gefallener Schnee! Was hatte ich erwartet? Es waren schon viele Katzen durch unser Haus getigert. Anfangs ein gelber Kater mit Weiß und ein weißbelatztes schwarzes Kätzchen, danach hatte es sich ergeben, dass nur noch graue Katzen in schwarzer Streifenbekleidung zu unserer Wohngemeinschaft gehörten. Daher waren meine Gedanken in tiefstem Selbstverständnis zu einem grauen Tiger gewandert.

Nun saß vor mir ein schneeweißer Kater ohne jegliche Dekoration. Kein gewohntes dunkles M auf der runden Stirn, umrahmt von grauen und schwarzen Streifen, kein weißer Latz auf schwarzem Grund, keine weißen Söckchen, hervorgehoben im dunklen Pelz. Trotzki war weiß von vorne bis hinten. Zumindest was sein Fell anging. Er hob den Blick zu mir auf. Über seiner rosa Nase leuchtete es mir in Blau und zartem Grün entgegen. Er hatte verschieden farbige Augen! Feenaugen! Dieser hellblau-grüne Blick eroberte mein Herz. Ich liebte den Kater auf Anhieb.

Trotzki nahm vom Haus Besitz, als wohnte er hier seit Jahren. Er fand in Windeseile die Küche, sah den reichlich gefüllten Napf und machte sich an die Arbeit, das Gegenteil herzustellen. Sozusagen als erstes Statement. Dann sprang er mit großem Selbstverständnis auf den Esszimmertisch, fand nichts von dem, was vermutet wurde, lief wieder in die Küche und schickte mir eine Frage entgegen, die sein Standardsatz werden sollte: Futter?!! Ansonsten erwies er sich sofort als ein distanzloser Schmuser. Er kam mir vor wie ein Waisenkind, das dringend eine Familie sucht und nun so sehr bemüht ist, die besten Seiten aufzupolieren. Fünf Monate hatte er auf einer Pflegestelle verbracht. Über die Zeit davor schwieg er sich unerbittlich aus. „Streunend aufgegriffen" stand in seinen Papieren. Man schätzte ihn auf fünf Jahre. Nun war er angekommen und hatte einen festen Wohnsitz.

Wie verhalten sich weiße Katzen? Sind sie anders gepolt als ihre farbigen Kollegen? Schließlich beruht ihr schneeweißes Fell auf einem ganz speziellen Gen, das andere Katzen nicht haben. Es geht in vielen Fällen mit blauen Augen einher, ist häufig verbunden mit Taubheit. Trotzki bewies sofort, dass er nicht darunter leidet, sein Gehör ist ausgezeichnet. Ganz im Gegenteil, es hatte es so fein getunt, dass es jedes Geräusch registriert, jedes noch so feine Klirren, wenn der Napf das Futter aufnimmt.

Das Fressen sollte sein Hobby bleiben. Seinen runden Katerbauch trug er von Anfang an mit Stolz. Immer wieder sah ich ihn an. Diese weiße Fläche bot Raum für Fantasien, wie ein unbeschriebenes Blatt, das es zu füllen gilt. Ich ertappte mich dabei, wie meine Augen auf das Weiß verschiedene Muster malten. Versuch es doch mit Kartoffeldruck, das kam von meinem Sohn. Ich dachte an unsere grauen Tiger, an ihre gefährlichen Streifen. Sie hatten sich oft wild gezeigt und nicht immer ausgesucht höflich. Weiß verbindet man mit Unschuld. Doch war er wirklich die Unschuld vom Lande?

Der ist nicht so ganz ohne, sagte der Tierarzt beim ersten Besuch. Also kein unbeschriebenes Blatt, zumindest nicht innerlich. Hatte Trotzki sein Fell nur gewendet, trug er die Tigerstreifen nach innen? Seine Wildheit gut getarnt hinter der Farbe der Unschuld? Lief etwas nicht nach seinem Wunsch, gab er sich für einen Moment tiefster Überlegung hin, dann biss er kurzentschlossen zu, allerdings ausgesprochen sanft. Doch je länger er bei mir wohnte, umso mehr fasste er Vertrauen, wer konnte denn schon wissen, was ihm alles geschehen war? Gerade in diesem Moment hockt er vor mir und schaut mich an, unterstützt die Wirkung durch Miauen: Futter?!! Sein Blick ist unmissverständlich. Dieser besondere Blick aus hellblau-grünen Feenaugen, wer kann dem schon widerstehen?

Karin Tamcke

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