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Völkerwanderung

Völkerwanderung

Sie kamen als langer Zug und offensichtlich von weither. Man sah förmlich die Wanderstiefel an ihren Füßen. Wie ein Lavastrom wälzte sich die schwarze Masse von Leibern unter der Tür hindurch, rollte über die Schwelle und endete in der Küche von Gustav.

Ein Ameisenvolk auf dem Weg zu neuen Ufern. Sie hatten nicht um Erlaubnis gefragt, keine Einladung zum Eintritt erhalten. Sie kamen ungebeten und verhielten sich, als gehörte die Küche ihnen. Mit frecher Selbstverständlichkeit nahmen sie alles in Besitz. Nun ist Gustav ein gestandener Mann und durchaus in der Lage, sich zu wehren, wenn er nicht einverstanden ist. Mit dieser Invasion war er ganz und gar nicht einverstanden. Auf der anderen Seite der Schwelle gibt es einen großen Garten mit allen Möglichkeiten, Ameisen ein schönes Dasein zu bieten. Warum sollten sie dann versuchen, seine Küche zu okkupieren?

Gustav wappnete sich also mit Härte, griff nach dem Staubsauger und begann, die Völkerwanderung aufzusaugen. Mit ziemlich schlechtem Gewissen, das muss man zu seiner Ehre sagen. Aber es erschien als die einfachste Lösung. Doch wenig später kam der nächste Schub. Der Zuwandererstrom nahm kein Ende. Gustav saugte und saugte. So sauber war seine Küche noch nie. Es gibt andere Dinge, die einem Junggesellen wichtig sind. Dazu gehört nicht zwingend eine blitzeblanke Küche. Doch nun zwang ihn der Umstand der schwarzen Invasion zu einer sonst gern vernachlässigten Handlung. Aber je mehr er von den Krabblern dem Saugerbeutel zuführte, umso mehr schienen nachzuströmen. Sie waren zwar von kleiner Statur, aber zahlenmäßig in der Übermacht. Schwaden ihres Ameisensäure-Parfüms waberten langsam durchs Haus. Ameisen sind ein Frauenstaat, die männlichen Drohen treten nur saisonal bedingt in Aktion. Folglich sah Gustav sich eingekesselt von einer Armada weiblicher Wesen, was den Bedrohungsfaktor für ihn enorm erhöhte. Gustav überkam das Grausen. Panikgefühle machten sich breit. Er fing an, die Eindringlinge zu studieren, um ihre Schwachstellen aufzuspüren. Er beobachtete den Völkerstrom. Sie bildeten zwei breite Straßen, erkundeten die Ecken, krochen in alle Ritzen. Dann sah er, wie sie innehielten, sich mit den Vorderbeinchen betasteten, sich geheime Botschaften ins Ohr zu flüstern schienen. Es gab eine kleine Verwirbelung und Ost- und Westachse begannen, sich vor einem Regal zu vereinigen, um aus einem Grund, der sich Gustav noch nicht erschloss, gemeinsam den Aufstieg zu starten, was für sie wie das Erklimmen der Eiger Nordwand vorkommen musste, denn das Regal war ziemlich hoch für kurze Ameisenbeine, auch wenn sie sechs davon haben. Und dann sah es Gustav: Ein offenes Honigglas auf dem Gipfel war das Ziel der kollektiven Begierde. Schon zappelten die ersten Krabbeltiere hilflos in der klebrigen Masse. Und Gustav stellte fest, dass sie sehr wohl eine Schwäche hatten. Eine besonders große Schwäche. Sie gaben ihr Leben für Honig! Diesen Umstand machte sich Gustav zunutze. Er stellte Gläser auf, die ein Löffelchen Honig in sich trugen. Er platzierte sie außen vor seiner Schwelle, um die Wanderer gezielt in die gewünschte Richtung zu locken. Nämlich raus aus der Küche und rein in den Garten. Der Erfolg war phänomenal. Aus allen Himmelsrichtungen strömten weitere Krabbelinsekten zu der Essenseinladung. Und auch sie fanden anschließend den Weg in Gustavs Küche. Gustav war frustriert. Und in seinem Frust meuchelte er die eine oder andere Ameise mit bloßer Hand dahin. Dann kam ihm eine neue Idee. Denn Gustav ist Ingenieur. Er konstruierte eine Honigstraße. Er opferte ein volles Glas Honig und ließ den Inhalt als langen Fluss von seinem Haus ausgehend über das Hofpflaster bis in den Garten laufen, wo sich der Bienensaft langsam in den Weiten des Rasens verlor. Anders als der Gläser-Slalom zeigte die Neukonstruktion nun endlich die gewünschte Wirkung. Die Ameisen begannen, sich von der Schwelle aus durchzufressen. Sie fraßen sich die Straße entlang, bis sie, rund und honiggefüllt, endlich im Nirwana verschwanden. Welcher Umstand sie davon abhielt, wieder zurückzukehren – keiner weiß es. Gustav war es auch egal. Seine Küche war endlich ameisenfrei, nur diese Tatsache war wichtig. Und seine Honiggläser, die verschloss er künftig gewissenhaft und fest. Karin Tamcke        

Karin Tamcke

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