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Vom Leben und Wirken des Hamsters Rüdiger

Vom Leben und Wirken des Hamsters Rüdiger

Der Tag, an dem Rüdiger verschwand, war ein schwarzer Tag. Erst in diesem Moment wurde allen klar, wie wertvoll er geworden war für die ganze Studenten-WG. Eigentlich gehörte er Anne.

Quelle: dpa

Sie hatte ihn geschenkt bekommen, als er noch ein Jungtier war. Ein Freund stand damals vor der Tür, unterm Arm ein kleines Kästchen. Der Inhalt offenbarte sich als ein entzückendes Wesen: zimtfarbenes Fellchen, runde Ohren, schwarze Knopfaugen im Teddygesicht. Ein Goldhamster. Er entstammte einem Fehltritt und suchte ein Zuhause. Anne konnte nicht widerstehen, sie übernahm das kleine Pelztier als neues Familienmitglied.

Als sie ihr Studium begann, ging Rüdiger selbstverständlich mit ihr in die andere Stadt und dort in besagte WG, wo er neben drei weiblichen und zwei männlichen Bewohnern das Gleichgewicht herstellte. Schon bald war er ein Mitglied von großer Wichtigkeit. Er absorbierte allen Stress und wandelte ihn in Spaß und Frohsinn. Bald stieg er zum Orakel auf. Mit Sonnenblumenkernen legte man Strecken aus. Würde er zu den weißen tendieren, dann könnte man bei den Klausuren auf gute Ergebnisse hoffen. Die schwarzen Kerne dagegen gaben Anlass zur Sorge. Doch durch Manipulationen war das Ergebnis beeinflussbar, was Rüdiger aber nicht wusste. Trotz der ganzen Fragwürdigkeit stärkte die Aktion bei allen das Selbstvertrauen und schuf ein besseres Gefühl und mehr Gelassenheit, was sich dann tatsächlich in den Klausuren niederschlug. Daran lässt sich erkennen, wie unentbehrlich der Hamster wurde. Und dann war Rüdiger verschwunden!

Folgendes hatte sich zugetragen: In den Semesterferien fuhr Anne ins Ferienhaus ihrer Eltern. Die alte Fachwerk-Kate lag idyllisch am Ostseestrand und auch Rüdiger sollte die gute Seeluft schnuppern. Der Hamster war an Freilauf gewöhnt, folglich beanspruchte er den auch in seinem Urlaubsquartier. Und da geschah es. Am letzten Ferientag. Plötzlich ward Rüdiger nicht mehr gesehen. Im Raum standen ein Tisch und vier Stühle, die Szene zeigte sich übersichtlich, es gab nicht viel zu suchen. Kein Hamster löst sich in Luft auf, und doch schien es so zu sein. Anne war verzweifelt. Und dann entdeckte sie, tief unten in der Wand, wo sich Fußboden und Gemäuer treffen, dieses kleine Loch. Es war offensichtlich. Die mürben Wände der Kate waren den Nagerzähnen nicht gewachsen gewesen. Es gab keine andere Möglichkeit, Rüdiger musste im Mauerwerk stecken, irgendwo in den Gefachen zwischen Lehm und Stroh, es war ja ein betagtes Haus, noch ohne Beton erbaut. Wie hätte man damals ahnen sollen, dass sich das eines Tages zum Nachteil auswirken würde? Und wie sollte man jemals den Hamster dem Mauerwerk entnehmen? Man konnte doch nicht das Haus abreißen!

Mit leeren Händen fuhr Anne heim, ihre Mutter blieb als Wache zurück. In der WG brach Trauer aus. Alle hatten den Hamster richtig lieb gewonnen. Wer sollte nun die Vorhersagen treffen? Wer die Sicherheit verleihen durch weiße Sonnenblumenkerne? Es war, wie gesagt, ein schwarzer Tag. Derweil nahm die Sache im Ferienhaus eine erfreuliche Wendung. Die Mutter bewachte den Raum und das Loch, doch war das Bewachen nicht erbaulich. Ohne viel Optimismus beugte sie sich zum Boden und rief laut den Namen des Hamster. Sie fand ihr Treiben ein bisschen albern, doch gab es nichts zu verlieren. Und sie konnte es kaum fassen, nach kurzer Zeit erschien in der Öffnung ein kleines Pelzgesicht und danach der komplette Hamster. Rüdiger hörte auf seinen Namen! Keiner hätte das vermutet. In der fruchtbaren Atmosphäre, umgeben von lauter Wissen, hatte sich sein IQ vermutlich beträchtlich erhöht, so dass er zu Leistungen fähig wurde, die nicht beabsichtigt sind im Bauplan eines Hamsterhirns. Die Freude war riesengroß und Rüdiger lebte noch lange und glücklich in seiner WG.

Trotz allem kam der Tag der letzten großen Wahrheit und auch Hamster Rüdiger ging ein in die ewigen Sammlergründe. Er bekam ein feierliches Begräbnis im Wald zwischen hohen Bäumen. Blumen schmückten den kleinen Hügel, eine Trauerrede wurde gehalten und zwei seiner Mitbewohner spielten auf der Flöte „Time to say goodbye". Ein Nachfolger war nicht vorgesehen, denn einen Hamster wie Rüdiger, den konnte keiner ersetzen.

Karin Tamcke

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