Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° heiter

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Wenn Caruso klingelt

Wenn Caruso klingelt

Engelbert liebt die Farbe Gelb. Er mag Sonnenblumen, Rapsfelder in Blüte und fährt ein gelbes Auto. Und Engelbert hat einen Freund, was nichts Ungewöhnliches ist.

. Doch dieser Freund betreibt ein Hobby, das Engelbert sehr entgegen kommt. Er züchtet Kanarienvögel. Wundervolle gelbe Harzer Roller, die in den schönsten Tönen singen. Und da Engelbert auch Tierfreund ist und zudem musikalisch, wurden bei jedem Besuch seine Kreise um die Käfige immer enger, bis jeder innere Widerstand hinweggeschmolzen war. Er erwarb einen Vogel, um so all seine Vorlieben auf einen Schlag zu vereinen.

Selbstverständlich hatte Engelbert an den Kauf Erwartungen geknüpft. Er erhoffte sich wunderbaren Gesang. Und um das Hoffen abzukürzen und schnellstens in das süße Gefühl des Erfolges münden zu lassen, gab er dem Vogel zur Unterstützung einen motivierenden Namen. Er nannte ihn, nomen est omen, Caruso. Caruso ließ sich nicht lange bitten. Nach einer kurzen Eingewöhnung strömten bereits zu Sonnenaufgang aus seiner Kehle perlende Töne. Engelbert war hingerissen. Eine Weile erfreute er sich lediglich am Gesang. Dann packte ihn der Ehrgeiz. Er begann, von Wettbewerben zu träumen. Auch wenn Caruso ein Naturtalent war, im Wettbewerb hatte er nicht zu singen, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Die Töne sollten sich vielmehr nach einer bestimmten Partitur zu einer Sinfonie aus Hohlrolle, Knorre und Klingel und anderen klangvollen Elementen vereinen. Ein Gesangsstudium wurde demnach nötig, um die naturgegebenen Laute zu verfeinern und in die richtigen Bahnen zu lenken. Caruso brauchte ein Training. Kanarienvögel sind in der Lage, Gesänge zu imitieren. Folglich ist der gebräuchlichste Weg, den Frischling in die Lehre eines Vorsängers zu schicken. Zu einem erfahrenen Vogel, der in seinem Schüler die guten Elemente weitestgehend zu wecken weiß.

In Ermangelung eines singenden Hahnes begab sich Engelbert zum Haus seines Freundes, um dort den Profisängern zu lauschen und selbst den Kanariengesang zu erlernen, was ihm aufgrund seiner eigenen Musikalität auch in Kürze gelang. Er war zum Training bereit. Engelbert begann, seinem Schüler die Strophen vorzupfeifen, derweil sich seine Familie nur schweigend und auf Zehenspitzen durchs Haus zu bewegen hatte. Kein falscher Laut von außerhalb durfte einfließen in den Vogelgesang. Engelbert pfiff sich durch alle Touren des Kanarienliedes. Er gab dem Sänger gehacktes Ei, um ihn bei Kräften zu halten, sammelte Löwenzahn, Beifuß und Vogelmiere. Er opferte seine ganze Freizeit und bald verschmolz sein Pfeifen zur Kongruenz mit den Glockentönen des Vogels. Im Gleichklang trillerten beide wie ein zartes Glöckchen, kreiselten vokalisierend um Konsonanten, klingelten exakt in Intervallen und schufen berückende Tongebilde.

Caruso war bereit für den Wettbewerb. Er war in der Lage, mit stets geschlossenem Schnabel, was sehr wichtig war, perfekte Strophen vorzutragen und würde hoffentlich die Ohren der Jury mit ausgesuchtem Wohlklang füllen. Und was Engelbert kaum zu hoffen wagte, trat tatsächlich ein. Er kam mit einer Medaille zurück. War es die große Freude, die ihn unvorsichtig werden ließ? Das schwindelerregende Gefühl des Triumphes? Im allgemeinen Siegestaumel ging unter, was sich sachte und unauffällig anbahnte. Kater Kollo, jeglichem Gesang abhold, schlich sich ins Vogelzimmer. Und als Engelbert, durch schrille Misstöne alarmiert, zu seinem Caruso eilte, da war es schon zu spät. Mit ein paar Federn an den Krallen flüchtete der verscheuchte Kater. Der Vogel kauerte gerupft in der Käfigecke. Noch am Leben, aber eindeutig geschockt. Der trainierte Caruso sang keine einzige Strophe mehr. Engelbert war voller Gram. Um sein erworbenes Wissen nicht brachliegen lassen zu müssen, erwarb er weitere Vögel und begann noch einmal von vorn. Doch keiner erreichte so einen Wohlklang wie der prämierte Caruso. Der hingegen warf weiter Federn ab und erging sich in Schweigsamkeit. Doch nach mehreren Wochen der gesanglichen Abstinenz erklangen plötzlich wieder die bekannten Töne. Caruso hatte die Schreckmauser beendet, ein neues Federkleid angelegt. Und seine ausgereifte Stimme erhob sich mit kristallenen Vokalen, gestreichelten Konsonanten und glitzernden Tonkaskaden über die der Artgenossen. Schöner als je zuvor.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Tiergeschichten
  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr