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Wenn der Frühling naht

Wenn der Frühling naht

Man stelle sich das einmal vor: Man geht einmal kurz aus dem Haus, zum Einkaufen um die Ecke, kommt nichtsahnend zurück – und sieht sich der Tatsache gegenüber, dass in der eigenen Wohnung nichts mehr ist wie vorher.

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Quelle: Patrick Pleul

Eine Fremde ist gerade dabei, das Ehebett auszutesten und die Möbel umzustellen. Entsetzt würde man sein und in hohem Maße verärgert. So ist es nur zu verständlich, dass auch die Uhu-Dame Hilda nicht erfreut sein konnte, als sie das fremde Uhu-Weibchen auf frischer Tat ertappte, wie es sich in der Mulde wälzte, in die doch Hilda seit vielen Jahren ihre Eier legt, um die Jungen auszubrüten.

Zugegeben, im sozialem Wohnungsbau für Uhus herrscht nicht gerade Überfluss an passenden Quartieren. Und die tiefe Nische in der hohen Wand des Felsens stellt eine Luxuswohnung dar. Doch ist das ein triftiger Grund, in fremde Heime einzudringen und sich mit frechem Selbstverständnis dort einfach einzunisten? Das konnte die empörte Hilda auf keinen Fall so stehen lassen. Sie plusterte ihr Gefieder auf, stellte die Pinselohren entrüstet senkrecht in die Höhe und fauchte die unverschämte Fremde aufgebracht aus der Höhle. Es dauerte eine gute Weile, bis sich ihr Gefieder legte und ihr schneller Atem wieder auf Normalmaß sank. Hilda nutzt diesen Nistplatz schon seit langer Zeit. Sie und ihr Gatte Herbert ziehen hier brav ihre Kinder auf. Bis auf ein schlechtes Uhu-Jahr mit niedrigem Mäusevorkommen gab es beständig Nachschub an kleinen flaumigen Bällchen, die sich nach entsprechender Zeit aus den Eiern schälten.

Sie führen eine gute Ehe, Hilda und ihr Ehemann. Er geht sittsam mit ihr um, ist fürsorglich und erfüllt von Verständnis, wenn sie auf den Eiern sitzt, und das erst recht in der stressigen Zeit, wenn der Nachwuchs quäkt und er Alleinversorger ist. Auch in diesem Jahr sollte das nicht anders sein. Hilda war noch immer empört. Nicht dass das freche Weibchen auch noch den Herbert übernahm! Dessen unruhiges Locken drang kräftig durch den Wald. Nach diesem milden Winter loderte in ihm schon recht früh der Feuer, das ihn enger zu Hilda trieb. Er brachte ihr Artigkeiten entgegen, vor allem in Form von Geschenken. Die fettesten Mäuse fing er für sie. Damit hoffte er, sie geneigt zu machen und in die rechte Stimmung zu bringen. Er balzte mit tiefer Inbrunst in der großen Hoffnung auf ein Schäferstündchen.

Zumindest hatte Hilda begonnen, die Bruthöhle herzurichten. Sie schichtete kleine Steinchen auf, sortierte hier und sortierte da, bis alles ihren Wünschen entsprach. Bald würde sie Lust bekommen, ein paar Eier zu legen. Nun wollte ein anderer Vogel ihr gemachtes Nest besetzen! Noch immer war sie entrüstet über den dreisten Versuch der frechen Artgenossin. Kaum hatte sie sich beruhigt, stand wieder jemand vor der Tür. Sollte das unverschämte Weibchen etwa den nächsten Versuch riskieren? Hilda war zum Kampf bereit, sie würde ihr Nest verteidigen, bis zur letzten Feder.

Doch als sie näher hinsah, wandelte sie ihre Empörung in eine Verwirrung um. Vor ihr saß ein Männchen. Ein fremder junger Kerl. Der nutzte die Gunst der Stunde und die Abwesenheit des mäusefangenden Hermanns. Er machte der erstaunten Hilda ungestüm den Hof, umgurrte sie und lockte. Was doch der nahende Frühling Erstaunliches mit sich brachte! Hilda fühlte sich geschmeichelt. Doch würde sie dem heftigen Werben des Nebenbuhlers Folge leisten? Bahnte sich sogar ein Ehedrama an? Der Schnösel balzte weiter, kratzte in der Nistmulde, dass die Steinchen nur so flogen. Mit einem solchen Temperament konnte der gute Herbert nicht punkten, doch war das auch gewünscht? Zählten nicht eher andere Werte, wie Beständigkeit und Erfahrung? Uhus führen eine Ehe fürs Leben, wenn alles gut verläuft. Sollte Hilda das verraten? Aufgeben für diesen Jungspund? Das gute Zusammenwirken mit Herbert, seine Verlässlichkeit und Treue aufs Spiel setzen für den Neuen?

Nach dem Abklingen ihrer Verblüffung scheuchte Hilda den Schnösels unmissverständlich von der Schwelle. Dann schüttelte sie ihr Gefieder auf, ordnete sorgfältig jede Feder. Wer würde noch alles kommen? Doch es war nur der brave Herbert mit einer fetten Ratte. Hilda nahm sie huldvoll entgegen, zwinkerte ihm zu mit ihren schönen Eulenaugen und alles war in Ordnung.

Karin Tamcke

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