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Wladimir mit dem Spatzenhirn

Wladimir mit dem Spatzenhirn


Was für ein Spektakel! Zum Ende eines jeden Tages fällt in meinen Garten eine Großfamilie ein.

. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie angeflogen. Paarweise, zu dritt, zu viert. Spatzen sind keine Einzelgänger. Tagsüber haben sie mal hier und auch mal dort zu tun. Doch zum Feierabend kumuliert sich alles in der Hecke meines Gartens zu einer schnatternden Horde. Da wird palavert über Brötchenkrümel vorm Supermarkt, verstreute Saat auf dem Bauernhof, den Beinahe-Crash mit einer Katze bis zum Austausch familiärer Neuigkeiten: Sind die Kinder wohlgeraten, Frau Spatz eine gute Ehefrau?

Bei Gesprächen letzterer Art bleibt es still in einer Ecke. Dort hockt Wladimir Sperling und hat nichts dazu zu sagen. Er kann von keiner Frau berichten und auch nicht von den Kindern. Denn er hat ein Problem. Wladimir ist so unmusikalisch, dass die Spatzen es von den Dächern pfeifen.

Dass Spatzen zu den Singvögeln gehören, erscheint an sich recht sonderbar. Nichts ist zu hören von schmelzenden
Nachtigallklängen, den klaren Flötentönen der Amseln. Spatzen tschilpen sich mit Ausdauer durch ihre bescheidenen Lieder und machen dabei einen Heidenlärm. Die Messlatte ihrer Sangeskunst ist daher bereits recht niedrig gelegt. Doch für sie ist ihr Spektakel nicht einfach nur Radau. Sie tschilpen von großen Gefühlen, von Romantik und Dramatik. Ihr Repertoire kann viele Liedchen umfassen. Und Wladimir beherrscht nur einen einfachen Song.
Forscher haben herausgefunden, dass ein Spatz mit großem Gesangstalent auf Spatzenfrauen sehr sexy wirkt, denn er lässt auf gute Gene schließen und Unmusikalität auf ein minder entwickeltes Gehirn. Wladimir hat demnach ein Spatzenhirn, und das in der sprichwörtlichen Version. Er ist die Niete im großen Spatzenchor. Deshalb hat er bis jetzt auch noch keine Frau an seiner Seite. Ein Lied mit vielen Strophen ist bei Spatzens wie ein Statussymbol. Wladimir fährt sozusagen nur auf dem Fahrrad vor und nicht mit einem dicken Schlitten. Bereits im Frühjahr, bei der großen Brautschau, konnte er das spüren. Da wurde um die Wette geträllert, getschilpt und gepiepst, die Paare fanden sich zusammen. Nur für Wladimir gab es kein geneigtes weibliches Ohr.
Dabei ist er ein recht ansehnlicher Spatzenmann. Sein Federkleid ist modisch-elegant in harmonischen Erdtönen gehalten, zwei kastanienbraune Streifen umrahmen ausdrucksvoll die Augen und geben ihnen eine besondere Tiefe. Der dunkelgraue Kehlfleck kontrastiert angenehm zur silbergrauen Weste. Wladimir kann sich nicht beklagen. Doch was nützt ihm das? Mit seinem akustischen Defizit war er bis jetzt kein attraktiver Partner. Nicht einmal mit dem Nestbau konnte er das kompensieren. Viele Vogelarten legen Wert auf ein kunstvoll gestaltetes Heim. Spatzen schludern ihr Zuhause einfach mal so hin. Da werden Heu und Stroh in irgendeinen Spalt gestopft, das Ganze etwas ausgepolstert und gut ist es mit der Unterkunft. Die Optik der eigenen Bude ist nicht so wichtig in der Spatzenwelt, die Weibchen setzen voll auf Akustik. Was also konnte Wladimir tun?

Er begann, intensiv zu üben. Er tschilpte täglich viele Stunden. Hüpfte während des Singens vor Anstrengung und Konzentration von einem Bein aufs andere und versetzte dadurch seinen Körper in eine Vibration. Er sang zwar immer noch dasselbe einfache Lied, doch erzeugten die Erschütterungen eine variantenreiche Modulation und verschleierten dadurch gekonnt sein völliges Unvermögen, so dass die Spatzen nur staunen konnten. Zugegebenermaßen begann er, ein bisschen seltsam zu werden. Doch unerschütterlich erschuf er sich eine Aura des Außergewöhnlichen. Bald galt er in der Spatzengemeinde als exzentrisches Original. Auch Forscher können sich irren, dachte Wladimir. Hatte es nicht mal geheißen, die Erde sei eine Scheibe? Dabei wusste doch jeder Vogel, dass das nicht stimmen konnte.

Plötzlich verspürte er Lebensfreude. Er merkte, wie seine Ausstrahlung wuchs. Noch hält er sich schweigsam abseits während der Familiengespräche. Doch gibt es da nicht inzwischen ein paar Spatzendamen, die scheinbar wie absichtslos in seine Nähe rücken? Die seine seltsame Stimme bestaunen, den kleinen Stepptanz beim Singen? Wladimir ist sich sicher, im kommenden Frühjahr wird auch er eine nette Spätzin finden und endlich gemeinsam mit ihr die ersehnte Familie gründen. Auch ohne großes Gesangstalent.
Karin Tamcke
Karin Tamcke

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