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Zu Höherem berufen

Zu Höherem berufen

Was war nur plötzlich in ihn gefahren? War er noch ganz bei Trost? Den Landwirt überkam Entsetzen bei dem, was er sehen musste. Abgesehen von dem Schaden – nie hätte er dem Bosse dieses Verhalten zugetraut.

Dem doch so freundlichen Ziegenbock, die Eltern von bestem Erbgut, das der Bock nun auch in sich trägt und damit die Zucht veredeln soll. Bosse, sein ganzer Stolz, warum um alles in der Welt hatte er diesen Frevel begangen? Denn leider gab es keinen Zweifel an seiner alleinigen Täterschaft, kein anderer außer ihm stand in unmittelbarer Nähe.

Der Bauer konnte es einfach nicht fassen. Hatte er nicht oft genug die ganze Herde verdächtigt? Nein, es war ihm nicht klar gewesen, wo er den Anstifter suchen musste. Und jetzt, wo alles bekannt ist, wäre es da nicht gefährlich, die anderen Ziegen weiterhin dem schlechten Einfluss auszusetzen? Bestand bei ihnen vielleicht die Lust, die Sache nachzuahmen? Oder würden sie empört einen solchen Gedanken von sich weisen? Sich vielleicht sogar entsetzen über die Tat des Stallgenossen? Zumindest war ihm das vorstellbar. Könnte man ihnen Stimmen geben, ihnen die Fähigkeit zugestehen, menschliche Laute zu produzieren, dann dürfte man vermutlich im Stall einen Sturm der Entrüstung vernehmen. In dieser Weise dachte der Landwirt.

In Wahrheit spielte sich anderes ab. Die Ziegen zeigten sich nicht entsetzt. Keineswegs. Sie waren nicht einmal überrascht. Sie hatten alles schon lange gewusst, trauten ihm alles zu. Gerade ihm, diesem jungen Hüpfer. Forderte der nicht ständig den alten Maddox heraus? Und stellte er nicht pausenlos den schlimmsten Unfug an? Nachher hieß es immer: Die Ziegen haben dies, die Ziegen haben das.... Und schon drohte ihnen die Strafe, für den Tagesrest seinetwegen im Stall zu bleiben. Die ganze Herde. Nicht nur der Übeltäter. Denn der hatte das Talent, so geschickt zu agieren, so unauffällig und heimlich, dass für den guten Landwirt nie erkennbar gewesen war, wer als Anstifter zeichnete. Wer hatte im letzten Herbst den Apfelbaum leergefressen? Zugegeben, sie hatten ihm geholfen, doch die Idee dazu wurde vom frechen Bosse entwickelt. Er kletterte auf den Baum, sie machten es lediglich nach. Wer sprang über das Gatter in den Nachbarsgarten, was das Ende aller Geranien in den Blumenkästen nach sich zog? Sie waren ihm lediglich gefolgt, wie es sich gehört laut Ehrenkodex in der Herde. Von derlei Geschichten hätten sie viel berichten können. Doch niemand war in der Lage, sie zu hören und zu verstehen.

Was war denn nun geschehen, dass sich der Landwirt so aufgeregt zeigte? So gänzlich ratlos und frustriert? Sein geschätzter Ziegenbock, der mit der Unschuldsmiene, hatte die Weide verlassen, unbemerkt und klammheimlich. Das wäre noch hinnehmbar gewesen, obwohl keinesfalls erwünscht, doch dann folgten diese Taten, für die man beim besten Willen keine Entschuldigung finden konnte. Bosses Leidenschaft fürs Klettern war wieder einmal durchgebrochen. Was hatte er nicht schon alles erstiegen – Leitern, Bäume, selbst den Hühnerstall. Er fühlte sich vermutlich zu Höherem berufen, seinen Genen verpflichtet. Nun stieß er in der Freiheit auf ein Kraftfahrzeug, das unschuldig auf dem Parkstreifen stand. Überkam ihn wieder die Lust am Aufstieg? Und war er ärgerlich geworden, als sich ihm das Auto schnöde widersetzte, indem es seine Oberfläche glatt und kaum begehbar machte? Als sich nicht alles fügte wie von ihm gewünscht, seine Absicht scheiterte, bohrten sich die Hörner fast wie von selbst in den glänzenden Lack, die Klauen trommelten wild auf das Blech. Der nächste Versuch scheiterte ebenfalls und hinterließ eine Spur von Kratzern und Beulen im malträtierten Metall. Erst beim dritten Anlauf erreichte Bosse sein Ziel und stand in stolzem Triumpf endlich auf dem Autodach.

Inzwischen hatte der Bauer die Abgängigkeit des Bockes bemerkt, sich auf die Suche gemacht und mit immenser Bestürzung den Missetäter geortet und vom Dach geholt. Nun sitzt Bosse – alleine – im Stall, hat vorerst Ausgangssperre. Derweil erhöht der Bauer die Zäune. Trennen möchte er sich nicht von seinem Hoffnungsträger, der doch so gutes Erbgut hat. Er hegt nun den tiefen Wunsch, dass sich mit dem Alter bei Bosse die Reife einstellen möge und damit auch die Vernunft.

Karin Tamcke

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