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Zuckersüße Therapie

Zuckersüße Therapie

Es war jedes Jahr das Gleiche. Er wusste ganz genau, bald würde es wieder losgehen. Seine sensible Nase roch schon den Pulverdampf. Sie roch ihn sozusagen im voraus, roch ihn durch die Schachtel, durch die grellbunte Verpackung.

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Quelle: dpa Waltraud Grubitzsch

Und ihm war ebenfalls klar, er würde sich wieder blamieren, seine Erhabenheit verlieren. Wie er das alles hasste! Mit eingeklemmtem Schwanz würde er sich verdrücken, nach einem stillen Winkel suchen, da konnten seine Menschen ihm zureden wie einem Ackergaul. Nein, er ließ sich nicht überzeugen. Schließlich war er ein Retriever und kein Polizeihund im Dienst, was musste er da schussfest sein? Es war nicht einzusehen, dass ihm nicht bänglich werden durfte bei der ganzen Knallerei. Er konnte sie nicht verstehen, seine sonst so lieben Menschen. Was fanden die bloß daran?

Jedes Jahr zu Silvester verhielten sie sich so unverständlich. Nein, er hatte nichts gegen die fröhliche Feier. Es kamen dann viele Leute, die meisten kannte er gut. Streicheleinheiten und Leckerchen fielen für ihn ab, das alles war gut und richtig. Wenn nicht das dicke Ende käme... Er war kein ängstlicher Hund. Er fand sich sogar sehr mutig. Tapfer lief er bei Regen spazieren, ließ sich, ohne hysterisch zu werden, danach die Pfoten säubern. Wenn er an das Gejaule des Nachbarhundes dachte! Der verfiel in Gekreische, wenn man seine Tatzen wusch, er konnte es bis hierher hören. Aber was sollte man schon von einem Pudel halten, der ein Schottenmäntelchen trug? Ihn schreckte auch nicht der Malteser mit seinem ewigen Gebell, wenn man sich auf dem Spazierweg traf. Er übersah den einfach, befand es unter seiner Würde, sich mit dem anzulegen. Da war der Schäferhund aus der Seitenstraße schon eine andere Nummer. Der regte sich auch ständig auf und zerrte an seiner Leine, man musste vorsichtig sein bei dem. Ansonsten gab es kaum etwas, worüber er nachdenken musste im Hinblick auf seinen Mut. Er führte ein entspanntes Leben bei wirklich netten Menschen. Sein Futternapf wurde gut gefüllt, man spielte gerne mit ihm. Er besaß viele eigene Bälle, Kauknochen in allen Größen, ein gemütliches weiches Körbchen. Alles könnte so schön sein. Wenn nicht jedes Jahr mit diesem Silvester enden würde.

Er erinnerte sich an das letzte Mal. Die laute Knallerei hatte gar nicht enden wollen. Und nun war es wieder soweit. Der Abend schritt voran und er legte die gelb befellte Stirn in tiefe Sorgenfalten. Dann starrten die Menschen auf die Uhr und ließen Sektkorken knallen, er sah darin die Ouvertüre zum sicheren Weltuntergang. Alles lief ins Freie, er wurde im Haus eingesperrt, was er für überflüssig hielt, nichts hätte ihn vor die Tür getrieben. Stattdessen suchte er kleinlaut nach dem sprichwörtlichen Mauseloch. Die Tür zur Vorratskammer war nur angelehnt, jemand musste in mitternächtlicher Eile das Schließen vergessen haben. Er hatte keine Erlaubnis für den Zugang zu diesem Raum, das wusste er genau. Doch heute war ein besonderer Anlass, er erteilte sich die Erlaubnis selbst, bot diese fensterlose Kammer doch die meiste Sicherheit. Er stupste die Tür mit der Nase auf und drückte sich ins hinterste Eck. Und während draußen nach seinem Empfinden das schlimmste Inferno tobte, stahl sich neben dem Böllergestank sehr sacht ein neuer Duft in seine Hundenase. Ein Duft, der ganz in der Nähe einer Schale entströmte. Ein optimistischer Duft, der ihn lockte und provozierte – und ihn schlussendlich verführte.

Er vergaß für kurze Zeit seine Furcht vor dem drohenden nahen Ende. Sanft leckte seine Zungenspitze über den Zuckerguss. Und in freudigem Impuls bissen seine Zähne zu. Er schmeckte den süßen Teig und die Marmeladenfüllung. Schon war das runde Gebäck in seinem Maul verschwunden. Nicht einmal der Anflug von Bedenken stahl sich in seine Gedanken. Und als die Menschen zurück in die Wärme des Hauses strömten, um den Jahreswechsel nach alter Tradition mit dem letzten Programmpunkt zu krönen, dem Genuss der Berliner Pfannkuchen, fanden sie in der Speisekammer nur die leere Schale vor, dafür aber einen gut gefüllten Retriever. Der hatte das Unangenehme mit dem Angenehmen verknüpft. Sich selber therapiert. Zumindest in dieser Silvesternacht hatte er seine Angst in gute Gefühle gewandelt. Und ohne Gewissensbisse blickte er froh ins neue Jahr.

Karin Tamcke

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