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Zum Fressen gern

Tiergeschichten Zum Fressen gern

Die kleine rote Geranie war Liebe auf den ersten Blick. Ich musste sie einfach mitnehmen für meine Terrasse. Vom Nachspiel ahnte ich da noch nichts. Die Pflanze entwickelte sich immer mehr in eine besorgniserregende Richtung. Schließlich gab es an den Stielen kein einziges Blättchen mehr.

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Quelle: André Kempner

Ich sah sie in einer Gärtnerei und es war Liebe auf den ersten Blick! So viel Liebe, wie man für eine Geranie empfinden kann. Das tiefe Dunkelgrün der Blätter! Die kleinen samtigen Blüten in einem satten Purpurrot, die sich vom Blättergrün so nett umrahmen ließen! Sie stach heraus aus der bunten Vielfalt aller anderen Pflanzen. Ich musste sie einfach mitnehmen, sie gehörte zu mir. Es hatte sich zwar schon ein netter Geranien-Bestand auf meiner Terrasse versammelt, doch alle gehörten der herkömmlichen Sorte an und galten eher als Pflichtbepflanzung. Diese kleine rote Blume war sozusagen ein Liebhaberstück und würde zwischen den anderen Blüten einen besonderen Platz einnehmen. Sie fügte sich dort auch aufs Dekorativste ein und ich bewunderte sie täglich. Das zur Vorgeschichte. Vom Nachspiel ahnte ich da noch nichts.

In meinem privaten Umfeld tummeln sich ein paar Tiere, die sich mit Fug und Recht als meine Haustiere bezeichnen können. Derzeit sind es offiziell zwei Katzen und zwei Zwergkaninchen. Dann gibt es noch andere Lebewesen, eine besondere Spezies, denen ebenfalls meine Sympathie gehört: Ich habe Weinbergschnecken im Garten. Eines Tages waren sie mir zugelaufen, sicherlich aus dem Nachbargarten, wo sich stets eine ganze Meute auf dem gepflegten Rasen aalt. Vielleicht hatten einige gedacht, woanders sei das Gras noch grüner, und sich aufgemacht, neue Welten zu erobern. Dazu hatten sie zwei Einfahrten überqueren müssen, waren über rauen Stein und spitzen Kies gekrochen, um dann am Ende festzustellen, dass sie nach dem gewohnten adretten Ambiente in einer Wildnis gelandet waren. Trotzdem waren sie geblieben und allein für dieses Durchhaltevermögen kann ich sie nur bewundern. Ich passe auch gut auf sie auf. Wenn mein Gartengehilfe mit seiner Motorsense kommt, um neue Schneisen ins Unkrautdickicht zu fräsen, dann hat er die strengste Order, auf die Schneckenhäuschen zu achten. Und vor dem Einsatz des Rasenmähers räume ich vorsorglich aus dem Weg, was Weinbergschnecke heißt. Nicht dass ihnen etwas geschieht! Schließlich machen sie einen guten Job.

Ich habe mir sagen lassen, dass ihnen die Eier der braunen Nacktschnecken ganz besonders gut schmecken. Und wenn ich etwas hasse, dann sind es jene unverschämten Kriecher, die meinen Erdbeeren keine Chancen lassen, die die Blätter der Funkien perforieren und den Kaninchen das Gemüse wegfressen. Ganz zu schweigen von ihren Angriffen auf meine Sommerblümchen, von denen Geranien ganz oben auf ihrem Speiseplan stehen. Sie hatten es daher sogar auf ein Regal an der Hauswand geschafft, waren fast zwei Meter die steile Wand empor gekrochen, für sie bestimmt der Himalaya, um sich tagsüber ganz verschlagen im Blumentopf zu verstecken und nachts ihr schändliches Werk auszuführen, so dass ich am nächsten Tag nur kahle Stängel vorfinden musste. Nun würden meine Weinbergschnecken den Blumen zu Hilfe eilen. Sozusagen als Bodyguards.

Doch ich schätze nicht nur ihre Nützlichkeit, ich liebe auch ihr Erscheinungsbild, diese hellbraunen Häuschen, die aussehen wie gedrechseltes Holz. Ein bisschen Urlaubsgefühl holen sie mir auch vor die Tür. Ich denke an Weinberge und den Rhein, träume von der Provence, von der Sonne Italiens oder den Weiten Andalusiens. Vielleicht träumen meine Schnecken mit mir, wären auch lieber dort als in diesem verregneten Garten. Ich will ihnen ihre Träume nicht nehmen, aus meinen eigenen jedoch wachte ich nun unsanft auf. Es ging um meine rote Geranie. Schon länger war es mir aufgefallen, dass sie sich zu verändern begann. Die Blüten zeigten immer noch dieses tiefe schöne Rot, doch die Blätter verloren das satte Dunkelgrün, die Stiele neigten sich schlaff und ließen kahle Ansätze sehen. Hatte ich sie vielleicht nicht gut genug gegossen? Ich erhöhte die Wasserzufuhr, gab noch ein wenig Dünger dazu, doch das schien nicht viel zu helfen. Die Pflanze entwickelte sich immer mehr in eine besorgniserregende Richtung. Schließlich gab es an den Stielen kein einziges Blättchen mehr. Mir war das Ganze ein Rätsel – das sich dann plötzlich von selber löste. Im Geranien-Topf hockte eine Schnecke. Nein, keine braune Nacktschnecke. Dort saß mit schönstem Selbstverständnis eine meiner Weinbergschnecken! Der Schock ging sehr tief! Nie hätte ich ihr das zugetraut! War sie etwa auch dem Reiz der roten Blüten erlegen? Offensichtlich hatte sie das Blümchen zum Fressen gern. Ich griff mir den Übeltäter und setzte ihn am anderen Ende des Gartens aus, ganz weit entfernt von meiner roten und allen anderen Geranien.

Karin Tamcke

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