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Zwei kleine Hoffnungsträger Verblasste Leidenschaft

Tiergeschichten Verblasste Leidenschaft

Sie hatte ihn zappeln lassen, eine lange Weile, wie es in ihrer Sippe gar nicht so unüblich ist. Um sie weiter geneigt zu machen, fütterte er sie mit feinsten Käfern und Würmchen. Sie legte im gemeinsam gebauten Nest zwölf Eier und zog die frisch geschlüpften Jungen unermüdlich auf. Darüber verblasste ihr Federkleid - was ihm nicht entging. Er begann, der Nachbarin den Hof zu machen.

Quelle: dpa

Hätte sie es ahnen können? Oder sogar wissen müssen? Jetzt musste sie schauen, wie sie das Beste aus allem machte. Wie war es doch schön gewesen, wie aufregend und ihrem Ego schmeichelnd, als er damals um sie warb. Sie hatte ihn zappeln lassen, eine lange Weile, wie es in ihrer Sippe gar nicht so unüblich ist. Nicht dass er ihr missfallen hätte. Er war schon ein schmucker Blaumeisen-Mann und ist es immer noch. Doch ein bisschen Ziererei, um sein verliebtes Balzen noch etwas länger auszukosten, gehörte zu ihrem Konzept. So lauschte sie weiter mit wohldosierter Zurückhaltung, wenngleich trotzdem entzückt, seinem schönen Reviergesang, der einerseits alle möglichen Rivalen auf Abstand halten sollte, mit dem er ihr aber signalisierte: Ich flieg total auf dich, keiner ist so toll wie ich, nur ich kann der Richtige sein! Er fügte der hübschen Melodie ein paar virtuose Triller an und sie wusste, das tat er nur für sie.

Sie putzte gründlich ihr Gefieder, ein bisschen übertrieben, er sollte es nicht übersehen. Nun glänzten die Federn in der Sonne, das Blau schimmerte wie Kobalt, das Schwarz wie gelackt, Gelb und Grün setzten spannende Kontraste. Sie fühlte sich attraktiv und begehrt und gewährte ihm endlich ihre Gunst. Zumal er in der Lage war, ihr einen Nistkasten in guter Wohnlage anzubieten. Um sie weiter geneigt zu machen, fütterte er sie mit feinsten Käfern und Würmchen, was ihr nicht missfallen konnte. Gemeinsam absolvierten sie das Ritual des Bruthöhlenzeigens. Er flog voran, sie folgte ihm, er machte viel Aufhebens darum, obwohl sie die Höhle schon kannte. Doch das gehörte nun einmal dazu und stärkte ihre Verbindung.

Jetzt war alles geregelt. Sie waren ein Paar, hatten ein gemütliches Heim und sie den Haustürschlüssel. Sie stattete die neue Wohnung mit viel Liebe und Sorgfalt aus, der spätere Nachwuchs sollte ein schönes Kinderzimmer mit weichen Polstern bekommen. Es dauerte nicht lange, da lagen zwölf kleine Eier im Nest und frohen Sinnes machte sie sich ans Brüten, bis dann eines Tages zwölf nackte Meisenkinder mit riesigen aufgesperrten Schnäbeln ständig nach Futter verlangten. Sie ging ganz auf in ihrer Mutterrolle, was dann aber dazu führte, dass sie es vergaß, an sich selbst zu denken. Das einst so strahlend schöne Gefieder wurde nur notdürftig geputzt. Hatte sie ganz vergessen, welches Risiko darin lag? Dachte sie gar nicht mehr daran, was nun passieren könnte? Was ein menschliches Auge nicht bemerken kann, ist den Blaumeisen gegeben: Sie nehmen auch den ultravioletten Farbbereich ganz ausgezeichnet wahr. Und nur in diesem Bereich sind spezielle Muster im bunten Federkleid zu erkennen, Muster, die wichtige Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein unterstreichen.

Der Meiserich sah das Verblassen der stumpf gewordenen Federn, die ihre Fähigkeit verloren, das Licht entsprechend zu reflektieren, er sah das Schwächerwerden der für ihn so wichtigen Zeichen, die ihn einstmals doch so verzaubert hatten, er war irritiert und seine Zuneigung schwand. Rein menschlich betrachtet: Seine Liebste lief nicht mehr verführerisch bekleidet, sondern nur noch im Morgenmantel herum, was ihren Reiz in seinen Augen ganz entschieden schmälerte. Der Meiserich begann, sein Interesse von ihr abzuziehen. Sein Engagement für Frau und Kinder verblasste in dem Maße, wie auch ihr Federkleid blasser wurde. Immer öfter trieb er sich herum, machte der Nachbarin den Hof und seine Gattin merkte: Der Frühling war vorbei, und das nicht nur die Jahreszeit betreffend. Sie musste sich nun allein um die Versorgung der Jungen kümmern, von ihm kam nur ab und zu eine Spinne oder eine lustlose Fliege.

Eines Tages war es dann auch soweit: Eine andere Meise in der Nachbarschaft brütete ein Junges aus, das nicht vom eigenen Gatten stammte. Unsere Blaumeise nahm es mit Gleichmut hin, sie kümmerte sich weiter um das Wohlergehen ihrer munteren Brut, die trotz der Probleme wuchs und gedieh, bald darauf flügge wurde und das Nest verließ. Für Mutter Meise war die Arbeit getan. Sie schüttelte sich einmal kräftig. Sorgfältig begann sie dann, ihr Gefieder zu ordnen. Sie sortierte die Schwungfedern neu, reinigte jede Daune, zog gewissenhaft Federchen für Federchen durch den spitzen Schnabel und legte akkurat eines neben das andere. Die Sonne schien und ihr Gefieder schimmerte wie damals im Frühling. Aus dem Augenwinkel sah sie das Aufkommen von Interesse in den Augen ihres Gatten, bemerkte aber auch die aufmerksamen Blicke eines fremden Blaumeisen-Männchens. Zufrieden und ausgelassen hüpfte sie von Ast zu Ast. Der Sommer war noch nicht vorüber und das Wetter warm genug für eine weitere Brut...

Karin Tamcke

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