Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Altenburg Landgericht schickt Brandstifter von Altenburg und Meuselwitz in die Psychiatrie
Region Altenburg Landgericht schickt Brandstifter von Altenburg und Meuselwitz in die Psychiatrie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:27 01.09.2018
Der Angeklagte Oliver M. (vorne links) bekommt vom Landgericht Gera für Brandstiftung und andere Delikte eine zweijährige Jugendstrafe, muss aber nicht ins Gefängnis, sondern in die Psychiatrie. Das konnte auch sein Anwalt Andreas Bönisch (vorn rechts) nicht verhindern. Quelle: Thomas Haegeler
Altenburg/Gera

Glücklich war Oliver M. nicht mit dem Urteil. Dabei kann er mit der zweijährigen Jugendstrafe, zu der ihn die 2. Strafkammer des Landgerichts Gera am Dienstag verurteilte, durchaus zufrieden sein. Schließlich sahen es der Vorsitzende Richter Berndt Neidhardt und seine Beisitzer als erwiesen an, dass der 21-Jährige mehrere Brände in Altenburg und Meuselwitz legte, dabei Menschen verletzte und gefährdete, Tausende Euro Schaden anrichtete und eine Reihe weiterer Straftaten beging.

Zudem folgte die Kammer mit ihrem Schuldspruch der Forderung von M.s Verteidiger Andreas Bönisch und blieb so klar unter den dreieinhalb Jahren Haft, für die Oberstaatsanwalt Gerd Michael Schultz plädierte. Doch in die Psychiatrie, wie es Neidhardt außerdem anordnete, will der Meuselwitzer nicht. Das halten aber alle Verfahrensbeteiligten für nötig, weil der Angeklagte psychisch krank und damit vermindert schuldfähig ist. Nur M. sah das anders, weswegen er hierzu den Kopf schüttelte.

Eine Geste, die von dem ansonsten meist regungslos wirkenden Angeklagten öfter zu sehen war. Meist wenn es um Vorwürfe ging, die er bestritt. Doch dank valider Zeugen und Täterwissen offenbarenden Geständnissen bei der Polizei, die er vor Gericht teilweise widerrufen hatte, konnte ihm die Kammer die meisten Vorwürfe aus acht verschiedenen Verfahren nachweisen.

Bordell und mehr aus Frust in Brand gesteckt

Das gilt auch für den schwerwiegendsten Vorfall am 13. März 2017. Mit 25 Euro in der Tasche hatte sich M. auf den Weg ins Bordell in die Zeitzer Straße in Altenburg gemacht. Als ihm dort eine Prostituierte wegen fehlenden Geldes abwies, war er derart frustriert, dass er versuchte, das Haus anzuzünden. Durch den Rauch geriet eine Bewohnerin so in Panik, dass sie aus dem Fenster sprang und sich schwer verletzte. Zwei weitere Frauen konnten nur unter Lebensgefahr gerettet werden.

Ein ähnliches Verhalten zeigte der junge Mann im August 2017, als er in einem weiteren Altenburger Bordell in der Gabelentzstraße versuchte, Feuer zu legen. Dort war er zuvor ebenfalls mit den Dienstleisterinnen aneinander geraten. Daneben hatte M. gestanden, wenige Monate zuvor das Gartenhaus seines Vaters in Meuselwitz und einen Starkstromkasten der Stadtverwaltung abgefackelt zu haben – jeweils um den Geschädigten eins auszuwischen.

Die meisten seiner Konflikte löste M. mit Straftaten, wofür er aber laut Psychiater Dr. Ingo Baltes, der ihn im Auftrag des Gerichts begutachtet hatte, nur bedingt etwas kann. Er beschrieb den Meuselwitzer als „intellektuell minderbegabt, was er aber mit burschikos lebenspraktischen Fähigkeiten überdecken kann“. Er kommuniziere eher mit Schlagattacken und sei nicht in der Lage „innerpsychische Aufgeheiztheit anders abzuleiten als durch aggressives destruktives Verhalten“. Das liege wahrscheinlich an einer genetisch bedingten „Intelligenzminderung mit Verhaltensauffälligkeiten“. Aber auch „eine organisch Wesensänderung“ aufgrund eines frühkindlichen Hirnschadens durch Sauerstoffmangel sei möglich. In jedem Fall ist das krankhaft.

Auch Bekannte und Familienmitglieder bedroht und beleidigt

Dazu passt wiederum, dass M. eine Meuselwitzerin, die er nicht leiden konnte, bedrohte und beleidigte. Dem Ex-Freund seiner Schwester erteilte er eine schmerzhafte Lektion, weil dieser nicht vernünftig mit seiner Verwandten umging. Aber auch seiner Familie drohte M. mit einem Messer in der Hand, sie umzubringen.

Weil er zur Tatzeit noch heranwachsend gewesen sei und„Reifeverzögerungen“ vorliegen, sei das Jugendstrafrecht anzuwenden, begründete Neidhardt das Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist. Eine Haftstrafe erachtete man dennoch als „erzieherisch sinnvoll“, weil bei M. „schädliche Neigungen ersichtlich“ seien. „Damit er weiß, dass er nicht machen kann, was er will.“

Dass er dennoch nicht ins Gefängnis muss, liegt an seinen psychischen Defiziten. „Eine Schuldunfähigkeit ist nicht gegeben, aber seine Steuerungsfähigkeit ist erheblich eingeschränkt“, sagte Neidhardt mit Bezug auf das Gutachten und überzeugt, dass „der Angeklagte unbehandelt wieder erhebliche Straftaten begeht“. Damit sei er eine Gefahr für die Allgemeinheit. „Wir sehen deshalb keine andere Möglichkeit als die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.“ Breche er die Therapie jedoch ab oder widersetze sich dieser, müsse er die Strafe absitzen.

Von Thomas Haegeler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zurück in die Altenburger Heimat – wer mit diesem Gedanken spielt, sollte sich den 14. September vormerken. Beim ersten „Pendlertag“ im Landratsamt werden Fachkräfte zu Jobs und Perspektiven im Landkreis beraten.

29.08.2018

Es ist eines der dunkelsten Kapitel in der Meuselwitzer Stadtgeschichte: Der Einsatz von Zwangsarbeitern in der HASAG-Außenstelle während des Zweiten Weltkriegs. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren in vielfältiger Weise an das Unrecht erinnert. Der Kulturausschuss will sich das Thema nun wieder annehmen.

29.08.2018

Ihren grünen Daumen beweist Familie Staacke in Treben seit 119 Jahren. Solange gibt es die Familiengärtnerei, die Julius Staacke 1899 vom Rittergut pachtete. Seit 2015 bietet die Gärtnerei auf dem Wochenmarkt in Altenburg Pflanzen, Blumen und Gemüse hauptsächlich aus eigener Produktion an.

29.08.2018