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Abriss statt Erinnerung

Abriss statt Erinnerung

Mit 3,6 Millionen Euro Fördermitteln des Landes hat die Stadt Altenburg im Gewerbegebiet Poststraße Flächen für Neuansiedlungen aufbereitet und dabei Baracken des einstigen Rüstungskonzerns Hasag beseitigt.

Altenburg.

Heimatforscher und Landespolitiker von Bündnis 90/Grüne beklagen diesen unsensiblen Umgang mit der NS-Geschichte und fordern eine würdige Erinnerungsstätte für die Häftlinge des KZ-Außenlagers. Die Stadtverwaltung weist die Vorwürfe zurück.

 

Die Bagger sind weg, die Baracke auch, und das ist das Problem. Denn damit ist eines der letzten Zeitzeugnisse des Nazi-Rüstungsbetriebes Hasag vernichtet worden, das 68 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch auf städtischem Grund und Boden existierte. Lediglich auf einem benachbarten, zugewucherten und vermüllten Grundstück stehen noch drei Baracken der Hugo Schneider Aktiengesellschaft. Es ist privater Grund und Boden. Und geschichtsbewusste Altenburger sind nun versucht zu sagen: bloß gut so. Sonst wären die wohl auch schon weg.

 

Wolfgang Böhm ärgert dieser unsensible Umgang mit der eigenen Geschichte sehr: "Hier ist ja nicht nur in einem der größten Rüstungskonzerne des Nazireichs Munition für einen verbrecherischen Krieg hergestellt worden. Hier gab es ein Außenlager des KZ Buchenwald, hier wurden Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter zu Tode geschunden, darunter viele Frauen und Mädchen, Sinti und Roma. Viele wurden noch in den letzten Kriegstagen von der SS auf den Todesmarsch geschickt." Eine schlichte Tafel am früheren Direktionsgebäude erinnert daran. Alljährlich werden hier Blumen niedergelegt und Reden gehalten.

 

Böhm und anderen Heimatforschern ist das zu wenig. Der 66-jährige frühere Lehrer für Kunsterziehung und Geschichte gehörte vor drei Jahren zu den Mitbegründern des Altenburger Geschichtsvereins, der ihn gerade als Vorsitzenden wiederwählte.

 

"Eine Tafel hinhängen reicht nicht", bekräftigt er. Ihn bewegen die großen Zusammenhänge. "Wie gehen wir mit unserer Geschichte um? Was passiert mit den steinernen Zeugen, und da meine ich mal nicht Schloss und Rote Spitzen. Die Stadt muss sich zum Thema ihrer NS-Vergangenheit endlich ernsthaft Gedanken machen", fordert er.

 

"Wir brauchen keine extra Gedenkstätte", räumt der Geschichtsvereins-Chef ein. "Und wir wissen auch, dass die alten Baracken nur mit enormem Aufwand zu erhalten wären, wenn überhaupt. Aber wenigstens Teile der Gebäude sollten gesichert werden, noch vorhandene Gegenstände, Inschriften, ein Giebel vielleicht oder Fenster", schlägt er bei einem Rundgang über das weitläufige Gelände vor. Im ehemaligen Direktionsgebäude, wo jetzt schon Kulturmanagement und Verwaltungsarchiv der Stadt Räume belegen, ließe sich ein Zimmer mit Fotos, Dokumenten, Gegenständen aus den Baracken einrichten. Interessierte Besuchergruppen hätten Zugang, auch Schulklassen für Projekte, so eine von Böhms Ideen.

 

Doch er ist bitter enttäuscht: "Wir haben dazu ein Grobkonzept vor einem Jahr zur Diskussion gestellt. Die Stadtverwaltung hat überhaupt nicht reagiert." Zweimal war er bei OB Michael Wolf (51, SPD). Leider kein Geld, sei der Kern seiner Antworten gewesen.

 

Nun hat diese Art Altenburger Geschichtsbewältigung den Landtag erreicht. Die Fraktion von Bündnis 90/Grüne machte die "Erinnerungskultur an Zwangsarbeit im NS-Rüstungskonzern" in der Skatstadt zum Thema einer Podiumsdiskussion vor Ort. Anlass war der Abriss der Baracken.

 

"Das Gelände mit den wenigen noch existierenden Baracken zur Unterbringung der Zwangsarbeiter erinnert eher an eine städtische Müllhalde als an das Grauen des Nationalsozialismus. Die Auseinandersetzung mit dem NS-Zwangsarbeitersystem am Beispiel der Hasag ist aber von enormer Bedeutung, um zu verhindern, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert, verdrängt oder vergessen werden", so Fraktionschefin Anja Siegesmund (36).

 

Die Geschichte der Baracken müsse aufgearbeitet werden, fordert auch der Historiker Dr. Harry Stein, Kustos in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. "Die Stadt Altenburg und Kommunalpolitiker, die Pflicht und die Verantwortung tragen, sich gegen das Vergessen einzusetzen, müssen sich nur entscheiden, wie viel ihnen der Erhalt der Baracken wert ist."

 

Noch deutlicher formuliert es Siegesmund: "Wir alle tragen die Verantwortung, die Gräueltaten des Nationalsozialismus vor dem Vergessen zu bewahren. Gedankenloses Abreißen ist jedoch der Abriss der Geschichte." Und sie fügt ein Beispiel aus Erfurt an, das niemandem in Altenburg gefallen dürfte: Auch in der Landeshauptstadt habe man lange dafür streiten müssen, bis in würdiger Form an das furchtbare Erbe der Firma Topf & Söhne erinnert wurde. Die stellten die Öfen für die Krematorien in den KZ her.

 

Die Stadtverwaltung Altenburg erklärte auf OVZ-Nachfrage, bei dem jetzt abgerissenen Gebäude habe es sich um eine SS-Baracke gehandelt. Ob die benachbarten Baracken zum Zwangsarbeiterlager gehörten, sei durch Dokumente nicht verbürgt. Sollte die Stadt das Areal einmal erwerben und dann neue Erkenntnisse vorliegen, "sollte eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit diesen Gebäuden geführt werden", so Rathaus-Pressesprecher Christian Bettels.

 

Er bestätigte zudem Pläne, das Direktionsgebäude zu verkaufen. Hier Museumsbetrieb zu etablieren, sei "aufgrund der dezentralen Lage nicht darstellbar". An der dortigen Gedenktafel sollen auch künftig Gedenkveranstaltungen stattfinden. Außerdem gebe es Überlegungen, an geeigneter Stelle einen Gedenkstein zu errichten und in der zu konzipierenden stadtgeschichtlichen Ausstellung im Residenzschloss an das KZ Außenlager zu erinnern, so Bettels. © Kommentar

Günter Neumann

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Von Redakteur Gabriele Neumann

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