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Alles Altenburger Käse: Auf diese Ziegen ist Verlass

Neugierige Herzensbrecher Alles Altenburger Käse: Auf diese Ziegen ist Verlass

Die Agrargenossenschaft Altenburger Land hält seit 26 Jahren Ziegen und gehört damit zu den deutschlandweiten Ausnahmen. Auf die Ziege gekommen ist der Betrieb, weil die Milch zur Herstellung des Altenberg Ziegenkäses nötig ist. Die wissenschaftliche Unterstützung der Ziegenhaltung erarbeitet der Betrieb seit 1992 unter anderem mit der Universität Leipzig.

Wegen ihrer Neugierde und Zutraulichkeit arbeiten die Landwirte der Agrargenossenschaft Altenburger Land gern mit ihren Ziegen.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Weihnachten, Feiertage oder Wochenende – das gibt es im Stall in Gimmel nicht. Täglich müssen sich die Mitarbeiter der Agrargenossenschaft Altenburger Land Dobitschen um ihre Tiere kümmern. Doch am Melkkarussell in der Genossenschaft stehen nicht nur Kühe an, sondern vor allem Ziegen. Die Agargenossenschaft gehört zu den wenigen Betrieben in Deutschland, der die Paarhufer hält.

Flauschig und verkuschelt

Flauschig und verkuschelt: Nur wenige Stunden ist das Zicklein alt, das Heino Siegel im Arm hält.

Quelle: Mario Jahn

Noch heute gilt die Ziege in vielen Teilen der Welt als die Kuh des kleinen Mannes. Bereits vor fast 10 000 Jahren wurden wildlebende Steinböcke domestiziert. Die Ziegen gehören damit zu den ältesten Haustieren der Menschheit. Dennoch gelten sie als schwierig zu halten, was auch die Verantwortlichen in der Agrargenossenschaft Altenburger Land bestätigen können, in deren Ställen rund 2300 Milchziegen und über 1000 Jungtiere leben.

Empfindliche Einzelgänger

„Schwierig zu halten sind sie auch deshalb, weil es in Deutschland – anders als etwa in Holland oder Frankreich – wenig Erfahrungen in der professionellen Landwirtschaft mit Ziegen gibt. Und sie sind ganz anders als Kühe, mit denen man sie dennoch immer irgendwie vergleicht“, versucht Steffen Fritsche, Vorstand der Agrargenossenschaft Dobitschen, zu beschreiben, womit sich sein Betrieb seit nunmehr über 26 Jahren intensiv beschäftigt.

Auf das Melkkarussell geht es für die rund 2300 Milchziegen zweimal am Tag

Auf das Melkkarussell geht es für die rund 2300 Milchziegen zweimal am Tag. Die besten Tiere geben bis zu 1000 Liter Milch pro Jahr.

Quelle: Mario Jahn

Auch was die Gesundheit angeht, sind Ziegen nicht einfach zu halten. Sie seien ziemlich empfindliche Geschöpfe, die es weder zu kalt noch zu warm mögen. Früher, so erzählt Fritsche, habe es bei Tierärzten den Spruch gegeben, eine Ziege ist entweder gesund oder tot. Ganz so stimmt das zwar heute nicht mehr, meint Heino Siegel, Ziegen-Verantwortlicher in Gimmel. Anspruchsvoll ist die Haltung aber allemal. Der Knackpunkt sei in erster Linie die Wirtschaftlichkeit, sagt er. Eine oder mehrere Ziegen hobbymäßig zu halten, ist etwas ganz anderes, als kontinuierlich mit Ziegenmilch Geld verdienen zu wollen. Bis das funktionierte, musste die Agrargenossenschaft viele Rückschläge einstecken. „Das war nicht immer einfach“, so Fritsche. Und erst seit etwa fünf Jahren werfe der Ziegenstall Gewinne ab.

Was das Futter angeht, sind Ziegen sehr genügsame Tiere

Was das Futter angeht, sind Ziegen sehr genügsame Tiere. Ohne Probleme kommen sie auch mit relativ kargen Stroh zurecht.

Quelle: Mario Jahn

Ungeachtet dessen gehörten Ziegen gerade im Altenburger Land vor ein-zwei Generationen noch ganz selbstverständlich zu bäuerlichen Betrieben. Davon zeugt nicht zuletzt der Altenburger Ziegenkäse. Noch heute gilt er als regionale Delikatesse und ist neben Mutzbraten und den Vierseithöfen eines der Aushängeschilder des Kreises. Malcher und Marchen stellten ihn aus Ziegen- und Kuhmilch her, die sie mit reichlich Kümmel würzten. 1897 wurde im Lumpziger Ortsteil Hartha eine Käserei gründet, in der bis heute entsprechend der traditionellen Rezeptur der Altenburger Ziegenkäse produziert wird. „Nach der Wende war die Käserei auf der Suche nach einem Betrieb im Altenburger Land, der Ziegenmilch für die Käseproduktion liefert. Unser früherer Chef Ulrich Müller hat das verrückterweise zugesagt“, meint Fritsche mit einem Lächeln.

Ohne Lust keine Milch

Verrückt deshalb, weil damals die Agrargenossenschaft praktisch in allen Belangen komplett bei Null anfing. „Es gab noch nicht einmal genug Tiere. Wir haben jahrelang jede Ziege gekauft, die wir bekommen konnten“, erinnert sich Siegel und erzählt, dass selbst an der Ostsee Tiere für den hiesigen Betrieb erworben wurden. Außerdem gab es weder in der Agrargenossenschaft selbst noch irgendwo in der Nähe das nötige Know-how, wie die eher einzelgängerisch lebenden Ziegen in größerer Stückzahl gehalten werden.

Wissenschaftliche Antworten auf ihrer Fragen erhält die Agrargenossenschaft seit 1992 von der Universität Leipzig. Die veterinärmedizinische Fakultät erarbeitete gemeinsam mit den Landwirten das Grundlagenwissen für eine wirtschaftliche Ziegenmilchproduktion. Tipps bekamen Fritsche und Siegel ferner bei holländischen Ziegenhaltern, die sie regelmäßig besuchen.

Weil es anfangs nicht genug Tiere gab, wurde beim Aufbau des Bestandes nicht auf Rassereinheit geachtet, was zu einer bunten Mischung im Ziegenst

Weil es anfangs nicht genug Tiere gab, wurde beim Aufbau des Bestandes nicht auf Rassereinheit geachtet, was zu einer bunten Mischung im Ziegenstall führte.

Quelle: Mario Jahn

„Das Hauptproblem, das wir mit der Uni lösen mussten, bestand darin, es hinzubekommen, dass wir kontinuierlich die Käserei mit Ziegenmilch versorgen können“, erklärt Heino Siegel und nimmt ein neugeborenes Zicklein auf den Arm. Von Natur aus sind Ziegen nämlich nur im Spätsommer und Frühherbst brünstig und werfen ihre Lämmer im März. Genau wie bei Kühen ist es aber auch bei Ziegen eine biologische Notwendigkeit für die Milchproduktion, dass sie regelmäßig Nachwuchs haben. „Aber eine Saisonalität, die es bei Kühen in der Form nicht gibt, ist problematisch.“ Denn bekäme die Käserei nicht das ganze Jahr lang Ziegenmilch, könnte sie nur saisonal Ziegenkäse produzieren. Was sich am Ende weder für die Käsehersteller noch für die Ziegenhalter rechnen würde.

Die Leipziger Wissenschaftler fanden unter anderem heraus, dass die Brunft der Tiere abhängig vom Licht ist. „Um ihnen das Jahresende vorzugaukeln, verkürzen wir nun im Ziegenstall künstlich die Tage“, verrät Fritsche eines der Geheimnisse. Darüber hinaus würden Kräuterpräparate der Lust von Ziege und Ziegenbock – vor allem sind es weiße deutsche Edelziegen – auf die Sprünge helfen. Damit ist mittlerweile gesichert, dass die Milch das ganze Jahr über fließt. „Ein großer Unterschied zu Kühen ist auch, dass Ziegen, nachdem sie Junge bekommen haben, bis zu zwei Jahre durchgemolken werden können. Übrigens läuft auch das Melken anders ab, denn Ziegeneuter müssen weniger stimuliert werden“, plaudert Siegel am Melkkarussell aus dem Nähkästchen, während die Tiere den ungewohnten Presse-Besuch nicht aus den Augen lassen. „Das ist eigentlich gar nicht zu gut, wenn Fremde hier sind, weil die Ziegen dann vor lauter Neugier ganz vom Melken abgelenkt sind“, erläutert Siegel und zeigt auf den ehemaligen Kuhstall, in dem die Ziegen leben. Er 2005 wurde erweitert und modernisiert. Dass sich die Ziegen dort wohlfühlen, belegt auch die Tatsache, dass die besten Tiere inzwischen um die 1000 Liter Milch pro Jahr liefern.

Verkauft wird die Milch ausschließlich nach Hartha. Zwar bedeutet dies in gewisser Weise eine Abhängigkeit von der Käserei – auch weil es für Ziegenfleisch hierzulande so gut wie keinen Markt gibt – aber die Abhängigkeit ist wechselseitig. Denn die Käserei ist ihrerseits für den Altenburger Ziegenkäse auf die Rohstoffe aus der Agrargenossenschaft angewiesen. Weil für den original Altenburger Ziegenkäse die Milch aus dem Altenburger Land stammen muss. Das ist markenrechtlich festgeschrieben.

Ein auskömmliches Geschäft

Es sei ein auskömmliches Geschäft, aber in den Himmel wachsen die Bäume auch im Segment der Ziegenmilch nicht, betont Fritsche, der dennoch froh ist, dass die Agargenossenschaft in den 1990er-Jahren mit der Ziegenhaltung begonnen hat. Denn mittlerweile sind die Ziegen ein wichtiges Standbein. „Neben der Ziegenhaltung bewirtschaften wir rund 1600 Hektar Ackerland, hauptsächlich mit Weizen, Gerste, Raps, Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln. Zudem haben wir 220 Milchkühe sowie eine Biogasanlage in Kleintauschwitz“, zählt der Chef auf. Von alldem bereiten aber die Ziegen die meiste Freude, finden Siegel und Fritsche. „Die Tiere sind viel sauberer als Kühe, ziemlich verkuschelt, intelligent und eben immer sehr neugierig.“ Mit ihrem Charakter würden die gehörnten Herzensbrecher für so mache Schicht über Weihnachten und Neujahr entschädigen.

Von Jörg Reuter

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