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Altenbourg in Altenburg privat

Altenbourg in Altenburg privat

Wenn von Gerhard Altenbourg die Rede ist, geht es in der Regel um den großen Künstler. So gut wie nie wird indes vom Menschen Gerhard Ströch gesprochen, der schon in den 50ern seinen Geburtsnamen gegen den Namen seiner Stadt mit eingefügtem "o" getauscht hat.

Altenburg.

Kein Wunder, denn vom Privatmann ist nicht allzu viel bekannt. Was ihm noch zu Lebzeiten den Ruf des weltfremden Sonderlings, des elitären Künstlers einbrachte.

 

Ein (Vor)-Urteil, das sich bis heute hartnäckig hält - und mit der Wirklichkeit rein gar nicht zu tun hat. Das zumindest sagen zwei, die es wissen müssen, denn sie gehörten zum Freundeskreis des Künstlers: Klaus Seyffarth und Peter Heinig. Beide hat die Chefin des Lindenau-Museums, Julia M. Nauhaus, gebeten, ein wenig den Schleier zu lüften und einen kleinen Blick hinter die gern zur Schau getragene Fassade zu ermöglichen. "Altenbourg in Altenburg privat" ist die Gesprächsrunde überschrieben, die den Schlusspunkt unter die jüngste Ausstellung des Museums "Erzgebirge, Hügel-Grund, Artemis-Land. Altenbourgs Landschaften" setzt.

 

Klaus Seyffarth und Peter Heinig, beide 72 Jahre alt, waren noch Pennäler, als sie Mitte der 1950er-Jahre Altenbourg kennenlernten. Ihr Mitschüler Wolfgang Dietz - Sohn von Altenbourgs erstem Lehrer und Förderer Erich Dietz - hat sie mit ihm bekanntgemacht. Sie waren einschließlich Manfred Vincenz und Werner Hofmann insgesamt fünf, die fortan den Künstler in seinem Haus regelmäßig besuchten. Weil Wolfgang Dietz aber in sehr jungen Jahren starb, hießen sie dann bei Altenbourg "die vier jungen Freunde."

 

Zwischen ihnen und dem Künstler entwickelte sich trotz der 15 Jahre Altersunterschied eine enge Freundschaft, die neben den Besuchen vor allem in zahlreichen gemeinsamen Ausflügen mündete. "Es wurde immer viel diskutiert. Altenbourg war sehr interessiert und unheimlich belesen. Und er war einer der ganz wenigen, die zuhören konnten", erinnert sich Klaus Seyffarth. "Da er kein eigenes Auto besaß, waren ihm unsere Fahrdienste bei den gemeinsamen Ausflügen durchaus willkommen." Sehr locker sei es bei den Treffen zugegangen, fern aller Etikette und steifer Förmlichkeiten. Gleichwohl Altenbourg gern ab und an seinen neuesten "Zwirn" eines Berliner Maßateliers vorführte.

 

Denn natürlich hat ein Künstler immer ein paar Allüren. So mussten die jungen Leute nach dem Klingeln oft minutenlang vor dem Haus im Braugartenweg warten, bis sich endlich die Tür öffnete. Ob der Spätaufsteher sich erst zurechtmachen musste oder sie bewusst warten ließ - sie wissen es nicht. Der Weg führte aber in jedem Fall erst in die Küche, dem Reich seiner Schwester Anneliese Ströch. Auch da gab es immer jede Menge zu erzählen. Der Mann, der sich in seinem Elternhaus gern eingeigelt hat und die Öffentlichkeit mied, freute deshalb besonders über Besuch und manchmal auch über dienstbare Geister. "Und er zeigte sich dabei sehr großzügig. Wenn man mal geholfen hatte, bekam man schnell mal einen Holzschnitt geschenkt" so Klaus Seyffarth. Obwohl sich Altenbourg eigentlich nur sehr ungern von seinen Werken trennte und manchmal auch lange für die Fertigstellung brauchte. Den Holzschnitt zu ihrer Hochzeit beispielsweise erhielten Gerlinde und Klaus Seyffarth 1984. Geheiratet hatten sie 1970 ...

 

Und pedantisch sei er gewesen, der Gerhard. Jeder, der etwas von ihm kaufte oder etwas geschenkt bekam, wurde in einem Buch registriert. Auch war das Verpacken des Kunstwerks immer Chefsache. Fein säuberlich wickelte er es in Seidenpapier, erst dann durfte man es mitnehmen, lacht Klaus Seyffarth.

 

Der promovierte Mediziner, der als Gynäkologe erst in einer Poliklinik und nach der Wende in eigener Niederlassung praktizierte, war übrigens der einzige der vier Freude, der in der Skatstadt blieb und eng zu Altenbourg Kontakt hielt. Da auch Frauenärzte über eine medizinische Allgemeinbildung verfügen, hatte dieser ihn als seinen Hausarzt auserkoren. "Ernsthaft krank ist er eigentlich nie gewesen. Aber ein Künstler hört ja immer gern in sich hinein."

 

Viel gäbe es noch zu erzählen, sagen die beiden Freunde. Peter Heinig, den es nach Grimma verschlagen hat, wo er bis zu seiner Pensionierung Direktor des Seume-Gymnasiums war, hat inzwischen angefangen, seine Erinnerungen aufzuschreiben. "Damit sie nicht irgendwann ganz dem Vergessen anheim fallen", sagt er.

 

Das liegt auch Klaus Seyffarth am Herzen. Er freut sich deshalb besonders, dass die Skatstadt nun endlich die Bedeutung von Gerhard Altenbourg erkennt. Ausstellungen im Lindenau-Museum, der im Zwei-Jahres-Rhythmus vergebene Gerhard-Altenbourg-Preis, eine nach ihm benannte Straße und eine Bronzeplatte in der Nähe der Brüderkirche seien beredtes Zeugnis dafür.

 

Lange genug hat es ja gedauert. Denn zu DDR-Zeiten blieb Altenbourg weitgehend unbekannt. Denn er war ein Unangepasster, der nichts mit dem sozialistischen Realismus, der verordneten Staatskunst, am Hut hatte. Das Museum of Modern Art in den USA hatte zwar Werke von ihm gekauft, doch das einheimische Lindenau-Museum mied ihn. Erst unter der Regie von Jutta Penndorf kamen zaghafte Kontakte zustande.

 

Dass genau dieses Museum später große Sammlungen aufkaufte und heute über 600 Werke von ihm besitzt, erlebte Gerhard Altenburg nicht mehr. Er starb am 30. Dezember 1989 nur 63-jährig an den Folgen eines Autounfalls.

 

Damit ging eine wunderbare Freundschaft jäh zu Ende. "Wir haben einen tollen Menschen kennengelernt, der allein durch seine Anwesenheit beeindruckte. Er hat es geschafft, dass ich versuche, Bilder zu lesen", sagte Peter Heinig. © Kommentar Seite 11

Ellen Paul

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