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Altenburg-Geraer Theater: Grüße vom Kap der falschen Hoffnung

Seiler-Roman adaptiert Altenburg-Geraer Theater: Grüße vom Kap der falschen Hoffnung

Von den Toten an der Mauer redet jeder. Von den Toten in der Ostsee spricht niemand. Es sollen um die 500 gewesen sein, die beim Versuch, in die Freiheit zu schwimmen, ertrunken sind. Wenigstens einer hat sich ihrer erinnert und ihnen ein literarisches Denkmal gesetzt: Lutz Seiler. Der Berliner Autor tat dies mit seinem Roman „Kruso“ so brillant und eindrucksvoll, dass er dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt.

Malochen und dennoch fröhlich sein: Bernhard Stengele als Kruso, Manuel Struffolino als Cavallo, Bruno Beeke als Rimbaud, Manuel Kressin als Ed und Thorsten Dara als René (v.l.).

Quelle: Christoph Beer

Altenburg. Von den Toten an der Mauer redet jeder. Obwohl man über ihre Zahl uneins ist, kennt man von vielen sogar die Namen. Von den Toten in der Ostsee spricht niemand. Es sollen um die 500 gewesen sein, die beim Versuch, in die Freiheit zu schwimmen, ertrunken sind. Wenigstens einer hat sich ihrer erinnert und ihnen ein literarisches Denkmal gesetzt: Lutz Seiler. Der Berliner Autor tat dies mit seinem Roman „Kruso“ so brillant und eindrucksvoll, dass er dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Sein Aussteigerdrama war damit der beste deutschsprachige Roman des Jahres.

Entsprechend groß ist seither das Interesse zumindest ostdeutscher Theater, „Kruso“ für die Bühne zu adaptieren. Nach Magdeburg war Altenburg-Gera das zweite. Und das nicht von ungefähr. Denn Seiler ist in Gera geboren und aufgewachsen. Zur Premiere in seiner Heimatstadt Anfang November 2015 war er selbst anwesend und seine noch in Gera lebenden Eltern im fast ausverkauften Großen Haus zu Tränen gerührt.

Gut ein Jahr später erlebte das von Petra Paschinger für die Bühne bearbeitete und von Caro Thum in Szene gesetzte Auftragswerk nun seine Altenburger Premiere. Da die Skatstädter keine solche Beziehung zu Seiler haben, war das Haus deutlich weniger gefüllt. Nach der Pause lichteten sich die Reihen sogar noch, da einige Besucher dem Geschehen auf der Bühne nicht mehr folgen konnten oder wollten. Die Gründe dafür dürften vielfältig sein.

Paschinger und Thum haben sich entschieden, nur Originaltext aus dem Buch zu verwenden. Und dies hat Seiler bekanntlich ausgesprochen lyrisch angelegt. Nicht immer konnten die daraus entstandenen Dialoge und Überleitungen vor der Deklamation bewahrt werden. Dennoch sind auch viele einprägsame, wunderbare Zitate dabei, so wenn von Hiddensee als dem letzten Ort der Freiheit innerhalb der Grenzen die Rede ist, zugleich aber auch vom Vorhof des Verschwindens.

Erzählt wird eine Geschichte, wie sie sich auf der allen DDR-Bürgern bestens bekannten Ostsee-Insel unter Saisonarbeitern und gesellschaftlichen Aussteigern zur Zeit des Zusammenbruchs der DDR 1989 zugetragen haben könnte. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen dem Hallenser Germanistik-Studenten Edgar Bendler und Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, in der Küche des Betriebsferienheims „Zum Klausner“ das Regiment führend. Beide sind vom Verlust eines ihnen nahe stehenden Menschen traumatisiert. Eds Freundin starb bei einem Straßenbahn-Unfall, Krusos Schwester ging ins Meer und kam nie wieder zurück. Gemeinsam kümmern sich die so unterschiedlichen jungen Männer um die „Schiffbrüchigen“ – all jene, die mit dem Staat abgeschlossen haben oder auf verschiedene Weisen gescheitert sind. Kruso will sie davor bewahren, das gleiche Schicksal wie seine Schwester zu erleiden. Zwischen beiden wächst eine tiefe Männer-Freundschaft, keine Liebe, auch wenn Szenen auf der Bühne die Vermutung nahe legen. Doch dann bricht alles um sie herum zusammen. Die Feriengäste bleiben aus, die Saisonkräfte reisen gen Ungarn und Tschechien. Am Ende holt der sowjetische General seinen todkranken Sohn Kruso heim, und Ed wird Schriftsteller.

All das zu verstehen, wenn man weder das Buch gelesen noch zuvor ins Programmheft geschaut hat, fällt ziemlich schwer. Zu unvermittelt passieren Dinge, zu wenig, vor allem im ersten Teil, tragen die Akteure zum Verständnis bei, zu schnell wechseln die Schauspieler ihre Rollen. Ohnehin bleiben die meisten ziemlich gesichtslos, weil ohne Geschichte. Allein die der beiden Protagonisten wird erzählt. Thum hat die Rolle des Kruso mit Bernhard Stengele besetzt, einen 20-Jährigen also von einem 50-Jährigen spielen lassen. Es erwies sich nicht als Problem. Gemeinsam mit Manuel Kressin als den von den privaten und gesellschaftlichen Ereignissen schwer verunsicherten Ed prägt er den Abend. Nicht ungenannt bleiben soll Christiane Nothofer in Personalunion als verunglückte Freundin von Ed und verschollene Schwester von Kruso, als die Geliebte des Sommers Sonja – und witziger Weise als ein Radio.

Es hängt symbolisch von der Decke einer großen in schwarz gehaltenen Bühne, die sonst nur noch von Neonröhren, Aufwaschbecken, Sand und viel, viel Wasser geprägt wird (Bühne und Kostüme Marianne Hollenstein). Klar, man ist ja an der Ostsee und in einer Küche. Da wird gematscht, geduscht und gespritzt – in den Aufwaschbecken, daneben oder gleich mit dem Wasserkübel. Was zur Folge hat, dass so viel Splitternackte auf der Bühne agieren, wie man es schon lange nicht mehr in Altenburg erlebt hat. Nicht immer ist das Entblättern sinnfällig. Natürlich durfte auch das heftige Bespritzen mit Ketchup-Flaschen und eine Sahnetorte nicht fehlen, die – man ahnt es – in jemandes Gesicht landet. Zum Glück wurde sie wenigstens nicht geworfen, Kruso fiel in seiner Verzweiflung hinein. Es war der Geburtstag seiner Schwester.

Warum angesichts einer solch berührenden wie tragischen Geschichte so vordergründig theatralisch agiert werden muss, darf zumindest hinterfragt werden. Dass es auch anders gegangen wäre, zeigt die Schlussszene, als alle Akteure in Bademänteln oder privaten Klamotten vor dem Publikum stehen und „Edgars Bericht“ vortragen. Als sie sprachgewaltig an die vermissten Ostsee-Flüchtlinge erinnern, deren Gesichter von Schiffsschrauben zerfetzt, deren Gliedmaßen von Fischen angenagt wurden.

Das Stück hat beim Publikum dennoch seine Wirkung nicht verfehlt, was unschwer am langanhaltenden, heftigen Beifall abzulesen war. Die emotionale Strahlkraft von „Die im Dunkeln“ – der Aufarbeitung eines anderen Kapitels DDR-Geschichte, nämlich des Widerstands gegen Willkür und Stalinismus im Altenburg Anfang der 1950er-Jahre – hat „Kruso“ nicht erreicht.

Weitere Aufführungen am 9. Dezember,
21. Januar und 11. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Karten an der Theaterkasse (Tel. 03447 585160).

Von Ellen Paul

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