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Altenburg erlebt kontroverse Debatte über das Image der Skatstadt

Kulturpolitischer Dialog Altenburg erlebt kontroverse Debatte über das Image der Skatstadt

Etwa 200 Bürger nahmen am Dienstag an einem Kulturpolitischen Dialog im Rathaus teil, auf dem über Fremdenfeindlichkeit in Altenburg und den deutschlandweiten Ruf der Stadt geredet wurde. Erstmals trafen dabei auch Theaterchefs sowie Vertreter des Bürgerforums Altenburg aufeinandern, das zu einem Boykott des Hauses aufgerufen hatte.

Der erste Kulturpoltische Dialog in Altenburg brachte am Dienstag 200 Menschen im Großen Ratssaal des Rathauses zusammen.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Im Halbrund aufgestellte Stühle, kein Podium – schon die Optik, die der Große Ratssaal am Dienstagabend bot, war außergewöhnlich. Passend zum Anlass. Altenburgs Ruf, eine weltoffene Kulturstadt zu sein, hat nicht zuletzt durch überregionale Berichte über fremdenfeindliche Übergriffe gegenüber Theater-Künstlern gelitten. Auch wegen dieser Anfeindungen wollen sie ihre Engagements nicht verlängern und die Stadt sogar verlassen. Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) bezeichnete solche Mediendarstellungen als oberflächlich und lud deshalb zu einem Kulturpolitischen Dialog ein, den es in dieser Form noch nie gab. Denn neben zahlreichen Volksvertretern und Kulturschaffenden stellte sich auch das Altenburger Bürgerforum der Diskussion, das mit seinem Theater-Boykott Altenburg erst deutschlandweit in die Schlagzeilen gebracht hatte und deren Vertreter am Dienstag erstmals direkt auf Generalintendant Kay Kuntze und Schauspielchef Bernhard Stengele trafen.

Forumsprecher Andreas Sickmüller verteidigte vor 200 Besuchern seinen Aufruf, der seine Ursache in abwertenden Äußerungen einiger Theater-Leute gegenüber Einwohnern von Altenburg-Nord auf einem Forum gehabt habe, denen pauschal rassistische Vorwürfe gemacht wurden. Keinesfalls habe der Boykott fremdenfeindliche Motive gegenüber Schauspielern, so wie dies dann von überregionalen Medien interpretiert wurde, sagte Sickmüller.

Der Boykottaufruf sei für die Presse sexy gewesen, die die Äußerungen der belästigten Künstler nach und nach verschärft habe, machte der Generalintendant auch die Medien für das verzerrte Bild von Altenburg verantwortlich. Er selbst habe die Vorwürfe nicht in die Öffentlichkeit getragen. Kuntze erinnerte an seinen Start im Jahr 2011 als Chef, als es unter anderem im Kreistag kritische Stimmen gegenüber dem Theater vor allem wegen der Kosten gegeben hatte. Das habe sich im Laufe der Jahre geändert. Nun sei er stolz, wie toll die Altenburger diesen Weg mitgegangen sind, sagte Kuntze.

„Ich halte den Boykott für falsch“, stellte der Oberbürgermeister klar. Allerdings werde Altenburg in eine rechtsradikale Ecke gestellt und behauptet, dass sich Ausländer nicht mehr auf die Straße trauen. „Damit wird eine Stadt beschrieben, die nicht mein Altenburg ist“, sagte Wolf. Denn 97 Prozent der Bürger seien weltoffen. Stattdessen werde die Stadt medial darauf reduziert, dass hier Künstler bedroht würden und dabei die dominierenden liebenswerten Facetten Altenburgs vernachlässigt. Er bitte Herrn Stengele, in der Öffentlichkeit das Bild zu zeigen, was die übergroße Mehrzahl der Menschen von ihrer Stadt habe, blickte Wolf den Schauspielchef nun direkt an. Der OB hatte Stengele in den Tagen zuvor heftig kritisiert. Er habe auf der Suche nach medialer Aufmerksamkeit die Stadt mit „rassistischen Denkweisen“ in Verbindung gebracht, lautete Wolfs Hauptvorwurf.

„Ich weiß nicht, wie man auf die Idee kommt, dass ich diese Stadt nicht mag“, erwiderte Stengele. Er habe mit der Inszenierung des Hauptmanns von Köpenick einen großen gesellschaftlichen Diskurs angestoßen. „Jetzt reden wir miteinander. Das habe wir sehr gut gemacht.“

Gar nicht gut fand Stefanie Apel dagegen die Haltung der belästigten Künstler, die weder Anzeige bei der Polizei erstattet noch erklärt haben, was ihnen wirklich angetan wurde. Diese Courage hätten sie nicht gezeigt, kritisierte die ehemalige Altenburger Stadträtin von CDU und Pro Altenburg.

Es habe in Nord noch nie einen Konflikt zwischen Asylsuchenden und den Alteingesessenen gegeben, das Zusammenleben funktioniere gut, sagte Jens Thieme, der nur 100 Meter von einem großen Flüchtlings-Wohnblock entfernt wohnt. Altenburg gerate daher zu Unrecht in die Kritik.

Gänzlich andere Erfahrungen hat Jürgen Hauskeller, der drei afrikanische Kinder adoptierte, die aufgrund von Beleidigungen wegen ihrer Hautfarbe oft weinend nach Hause kamen. Rassistische Übergriffe seien seit vielen Jahren in Altenburg an der Tagesordnung. Die NPD hatte in der Stadt eine Zelle, die AfD treffe sich hier und die Rechten gingen nach Kosma, rief Hauskeller.

Wer die AfD in Zusammenhang mit Nazis stelle, differenziere nicht, sondern diffamiere, erwiderte darauf Gunter Seyffarth vom Bürgerforum. Er verwahrte sich dagegen, Altenburg einen Alltagsrassismus zu unterstellen, warnte aber vor ethnischen Konflikten, die Asylbewerber auch nach Altenburg tragen würden.

„Man spürt eine starke Zerrissenheit“, resümierte Ulrich Khuon, der die Diskussion moderierte. Die Zerrissenheit sei jedoch für die ganze Republik charakteristisch. Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins versuchte die Sorge Altenburgs zu zerstreuen, in eine fremdenfeindliche Ecke gestellt zu werden. Über Gelingendes werde in den Medien eben selten berichtet.

Zum Ende der Debatte stellte der Oberbürgermeister eine Initiative mit dem Titel „Wir sind Altenburg – eine Stadt mit Standpunkten“ vor. Bürger können sich mit ihrer Unterschrift auf einem Flyer für demokratische Grundwerte und gegen Rassismus und Nationalismus aussprechen. Außerdem geht am Montag eine Internetseite online, auf die Videobotschaften gestellt werden, mit der Einwohner ihre Verbundenheit zu ihrer Stadt illustrieren können.

www.wirsindaltenburg.de

Von Jens Rosenkranz

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