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Altenburg hat 5000 Wohnungen zu viel

Altenburg hat 5000 Wohnungen zu viel

Die letzten Vorbereitungen fürs Richtfest am Areal am Markt liefen gerade, da wurde gut 100 Meter weiter in der Music Hall einen Abend lang über die städtebauliche Zukunft der Kreisstadt höchst kontrovers diskutiert.

Mit einem starken Zentrum in Altenburgs Zukunft - so hieß das Thema der Runde, zu der das Stadtforum für Denkmalschutz und Stadtentwicklung Politiker und Wissenschaftler eingeladen hatte und dem etwa 50 Interessenten über zwei Stunden lang folgten. Die ungewollte Parallelität von Praxis draußen und Theorie drinnen machte indes das ganze Dilemma der über tausendjährigen Stadt erst recht deutlich.

 

 

 

Denn die Lage ist viel dramatischer, als sich den meisten Bürgern oder gar den über den Markt bummelnden Touristen erschließt. Von den 1990 noch vorhandenen über 50 000 Einwohnern werden in sieben Jahren weniger als 30 000 übrig geblieben sein. Rund ein Drittel aller Wohnung wird dann leerstehen, aber nur etwa sieben Prozent könne ein gesunder Wohnungsmarkt erfahrungsgemäß verkraften, rechnete Peter Gzik vom Stadtforum vor. "Wir tragen die Erbschaft einer maroden Altstadt und überdimensionierter Neubaugebiete", so der frühere, für die Stadtsanierung verantwortlich Rathaus-Mitarbeiter.

 

Und er benannte die Gründe einer seiner Meinung nach schon lange falsch laufenden Entwicklung: Das vor zehn Jahren beschlossene Stadtentwicklungskonzept sei in entscheidenden Punkten nicht umgesetzt worden. Und als sich der Einwohnerrückgang noch dramatischer als angenommen erwies, hätten Verwaltung und Stadtrat Rahmenpläne und Konzepte nicht oder nicht konsequent genug fortgeschrieben. Praktisches Beispiel: Weil der von Experten berechnete Rückbau von 4400 Wohnungen nur zu einem guten Drittel erfolgte, müssten bis 2020 nun 5000 Wohnungen abgerissen werden. Das aber würde Millionen kosten, die wiederum zur Erhaltung der Innenstadt fehlen werden.

 

"Es ist schwierig in Altenburg, und wir steuern noch schwierigeren Zeiten entgegen", wollte Moderator Johannes Schaefer vom Stadtforum eigentlich die Diskussion ankurbeln. Doch es war ein vorweggenommenes Schlusswort, denn die Debatte förderte zwar interessante Details und bedenkenswerte Begründungen der Fehlentwicklung zutage, aber kaum halbwegs erfolgversprechende Lösungsvorschläge. "In dem Moment, als die Bürgermeister verstanden, was da aufgezeichnet wurde, verschwanden die Konzepte oft in den Schubladen", berichtete beispielsweise Architektur-Professor Matthias Grunwald von der Zwickauer Hochschule über einen in vielen Städten beobachteten Umgang mit den unbequemen Stadtentwicklungskonzepten.

 

Und er rechnete konkret vor: Altenburg müsste jetzt jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Euro für den Abriss ausgeben, um die 5000 Wohnungen loszuwerden. Die aber waren zu einem großen Teil in den 90er-Jahren noch mit Fördermitteln saniert worden, die das Land bereitwillig dafür ausgab, erinnerte Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD), Eine konsequente Umsetzung der Abrisspläne hätte zudem damals manche Wohnungsgesellschaft in den Ruin getrieben, deren Wirtschaftskraft aber heute nicht zuletzt für Aufgaben in der Innenstadt gebraucht wird. Innenstadt und Randgebiete müssten im Zusammenhang gesehen werden, massiven Rückbau von Plattenbauvierteln wie Altenburg-Nord oder -Südost lehnte Wolf, auch im Interesse der dortigen Bewohner, klar ab.

 

Doch ob saniert oder unsaniert - der "Entleerungsprozess" der Plattenbauviertel werde sich noch beschleunigen, hielt Heike Liebmann von der Bundestransferstelle Stadtumbau Ost dagegen. "Sie werden den Rückbau brauchen", warnte sie mit Blick auf die Kosten für Wasser- und Abwasserleitungen, Stromtrassen und Straßen, die sich für immer weniger Einwohner immer weniger rechnen. Geld, das überdies die Innenstädte nötig haben, denn: "Hier ist das Schwierige und Teure übrig geblieben." Zudem würden die Fördermittel künftig spärlicher fließen.

 

Die Vorschläge der Politik zur Lösung dieses Problems blieben vage. Thüringens Bau-Staatssekretärin Inge Klaan plädierte für Dialog und gegen eine "Konkurrenzdiskussion zwischen Stadt und Land". Und der OB sah als Ausweg die Wirtschaftsförderung. "Wenn wir den Autobahn-Anbinder hinkriegen, brauchen wir nicht in Rückbau zu investieren."

Günter Neumann

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