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Altenburg Revolutionäre Kunststoffe: Altenburger Erfinder eilt von Erfolg zu Erfolg
Region Altenburg Revolutionäre Kunststoffe: Altenburger Erfinder eilt von Erfolg zu Erfolg
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00:26 08.03.2018
Die Gründer des Start-up-Unternehmens inca-fiber, Toni Böttger (l.) und Falko Böttger-Hiller, mit ihren verkupferten Kunststoffen. Quelle: Tom Schulze
Altenburg

Skat, Geschichte, Kultur: Wer an Altenburg denkt, denkt an vieles. Worte wie jung, kreativ oder dynamisch fehlen aber beim Gedankenspiel. Dabei kommt ein erfolgreicher Erfinder Mitteldeutschlands, auf den diese Attribute zutreffen, aus der Skatsatdt. Falko Böttger-Hiller lebt in Altenburg, ist 34 Jahre jung, promovierter Chemiker und betreibt mit seinem Geschäftspartner Toni Böttger (36) in Chemnitz das Start-up-Unternehmen inca-fiber.

Auszeichnungen wie am Fließband

Seit der Gründung 2016 eilt die sächsisch-thüringische Firma von Erfolg zu Erfolg – und heimst Auszeichnungen wie am Fließband ein. Auf den „Schicke Ideen“-Preis des Gründernetzwerks Saxeed folgte 2017 der IQ Innovationspreis der Metropolregion Mitteldeutschland und vor anderthalb Wochen der Leipziger Galvanopreis der Deutschen Gesellschaft für Galvano- und Oberflächentechnik (DGO). Grund der Ehren: ein Verfahren, mit dem sich Eigenschaften von Metallen in Kohlenstofffaser verstärkte Kunststoffe, landläufig Carbon genannt, bringen lassen.

„Carbon ist leichter als Metall, hat aber nicht die gleichen Eigenschaften“, erklärt Böttger-Hiller. So leite der Kunststoff Wärme und elektrische Energie deutlich schlechter als Metall, was sich durch das Metallisieren der Fasern jedoch ändere. Damit bieten die behandelten Fasern etwa die gewünschte Leitfähigkeit, um Signale oder Strom durch Leichtbauteile fließen zu lassen, oder sorgen für den nötigen Blitzschutz bei Fahrzeugen. Neben der Automobilindustrie gehören Hersteller aus Luft- und Raumfahrt, Windkraft und Elektronik zur Zielgruppe. Denn die maßgeschneiderten Produkte werden zugleich leichter, was bedeutet, dass man weniger Energie benötigt, um diese anzutreiben, und so Kohlendioxid einsparen kann.

Erste Schritte an der TU Chemnitz

Die ersten Schritte Richtung Innovation machte Böttger-Hiller vor zehn Jahren als Student der TU Chemnitz. Er diplomierte mit einer neuen Methode, nanostrukturiertes Wolframoxid herzustellen. Dadurch lassen sich elektrochrome Schichten bei relativ moderaten Temperaturen erzeugen. Was hochwissenschaftlich klingt, macht der verheiratete Familienvater anschaulich: „Fließt Strom durch eine solche Beschichtung, ändert sich die Farbe. Dieser Effekt wird zum Beispiel bei Rückspiegeln eingesetzt, die automatisch abblenden.“ Allerdings stellte der Industriepartner das Projekt aufgrund der damals akuten Wirtschaftskrise ein.

Davon ließ sich der gebürtige Skatstädter aber nicht entmutigen und übertrug das zuvor verwendete Prinzip auf Kohlenstoffmaterialien. Im Rahmen seiner Doktorarbeit gelang es, Kohlenstoffe auf den Nanometer, was einem Tausendstel Haardurchmesser entspricht, genau zu formen und erfolgreich als neues Batteriematerial zu testen. Statt in Lithium-Ionen-Batterien wurden diese in Lithium-Schwefel-Batterien eingesetzt. Neben dem geringeren Preis durch den Einsatz von Schwefel, sind die Energiespeicher auch leistungsfähiger. „Man kann mit derselben Batteriemasse weiter fahren“, so Böttger-Hiller. „Oder der Akku ist bei selber Reichweite deutlich leichter.“

Entwicklung löst Reichweitenproblem von E-Autos

Eine Entwicklung, die in der Fachwelt hohe Wellen schlug. Vor allem in Teamarbeit mit Chemnitzer und Dresdner Forschern konnte ein weiterer Meilenstein erzielt werden, um das Reichweitenproblem von Elektroautos zu lösen. Dadurch standen die Zeichen günstig, in der Hightech-Branche durchzustarten.

Doch Böttger-Hiller schlug die Angebote aus der Automobilindustrie genauso aus wie ein Angebot der kanadischen Pionierin in Sachen Lithium-Schwefel-Batterien, Professor Linda Nazar. Beides wäre aufgrund der großen Distanz zum Arbeitsort mit seiner Familie nicht vereinbar gewesen. Lieber entschied er sich, an der TU Chemnitz zu bleiben, wechselte aber von der Chemie zum Maschinenbau. Dort wiederum begann er 2013 mit anderen, das Metallisieren von Kohlenstofffasern zu erforschen. Die Früchte dieser Arbeit prämierte die DGO mit ihrem Nachwuchsförderpreis.

Bundeswirtschaftsministerium fördert Firma

Als die Förderung für die Nachwuchsforschergruppe auslief, entschlossen sich Toni Böttger, er und zwei involvierte Wissenschaftler, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Das Bundeswirtschaftsministerium fand Verfahren und Konzept so gut, dass es Geld für vier Stellen und eine Viertel Million Euro für Material und Produktion von Prototypen locker machte. Daraus resultierte im Mai 2016 die Gründung der inca-fiber GmbH, an der aber nur noch Böttger-Hiller und Böttger beteiligt waren, weil die anderen beiden eigene Wege gingen.

Verwandt ist das Duo aber nicht. Eine oft gestellte Frage, die die Macher mit Verweis auf das Schild „nicht verwandt und nicht verschwägert“ am Büro in Chemnitz beantworten. Ein Sinn für Humor und eine Lockerheit, die ihnen schon oft weitergeholfen haben. So hat, was mit Prototypen und sieben Zentimeter großen Proben begann, dank einer in der Zwischenzeit gekauften Maschine nun Serienreife erlangt. In der 25 Meter langen Produktionsanlage samt Acht-Meter-Beschichtungsbecken entstehen jetzt verkupferte Kohlenstofffasern im einhundert Kilo Maßstab.

Macher hofft durch JEC World auf nächsten Schub

Damit befindet sich inca-fiber in Phase zwei der Förderung des Wirtschaftsministeriums, die weitere 180 000 Euro bringt. „Da wir nachgewiesen haben, dass wir die Idee aus dem Labor in die Praxis übertragen konnten und der Businessplan stimmig ist“, erklärt Böttger-Hiller. „Ziel ist es jetzt, als Firma auf die Beine zu kommen und Produkte zu verkaufen.“

Dabei helfen auch die Auszeichnungen. Denn dort lassen sich Netzwerke knüpfen, die in Aufträge münden. Seit der Inbetriebnahme der Anlage Ende 2016 wird jedenfalls ununterbrochen produziert und mit internationalen Partnern weiterentwickelt. „Zum Glück“, sagt Böttger-Hiller und hofft auf den nächsten Schub. Den könnte die weltgrößte Messe für Verbundwerkstoffe JEC World in Paris in dieser Woche bringen. Denn inca-fiber gehört dort neben anderen Ausgründungen von Eliteuniversitäten aus den USA und Japan zu den zehn Finalisten des jährlichen ausgelobten Start-up-Preises.

Von Thomas Haegeler

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